© www.ampool.de / Archiv -> www.imloop.de
pool 2 #6 (#86) 24.03.- 31.03.2001
pool 2 #5 / pool 2 #7

33 - 24.03.01 * 11:01:32
Dinge an die ich nicht glaube:
1. Die Krise, die einen weiterbringt. Danach die Reinigung, die
Katharsis.
Ein alter Irrglaube. Als würde sich die Seele reinigen können,
wie der Körper mit einem Fieber. So praktisch soll es sein. Ich
kenne eine Menge Menschen, die daran glauben, und die nach ihren
Krisen, deren Schwere sie ausgekostet haben, nur noch verwirrter
waren.
Die erwartete Verjüngung ist nicht eingetroffen, denn jede Krise
ist eine Verschmutzung, eine Zerfaserung, die bleibt.
Im Berliner Aquarium waren damals die Quallen neu. Sie schwebten
langsam im Kreis, ausgeklügelte Düsensysteme verhinderten ihr
Anstoßen. Im Wasser waren Fasern, vielleicht Fetzen ihrer Haut,
Essensreste, ebenso weißlich durchscheinend wie ihre Körper.
So, von der Qualle aus möchte ich es sehen: mehr und mehr Fasern
kommen dazu, Zweifel, Krisen, und ich beobachte die Schönheit
ihres Schwebens. Egal wo sie sind, sie folgen mir und eilen mir
voraus.
Ab und zu reinigt einer der Angestellten das Becken.
2. Eine neue Frauenzeitschrift in der Hand, bin ich versucht die
unzähligen, aber sehr unwichtigen Irrtümer aufzulisten wie: Neue
Sexstellungen probieren: Kein kaltes Wasser trinken (macht dick):
Mal einen anderen Ton anschlagen im Berufsleben: Einen Hund mit
zur Arbeit bringen (gut fürs Arbeitsklima). Die Welt scheint bedeckt
zu sein mit einer Schicht von Irrtümern und Fehlanleitungen fürs
Leben.
Wirkliche tiefgreifende sind:
3. Die Fehler des Charakters in der eigenen Kindheit suchen (außer
man ist unter 18).
4. Eine gemütliche Ecke im Haus haben zu wollen, in der man in
Ruhe in Magazinen blättern kann (die Wallpaper-Version der Tupperware-Party).
5. Experimentelle Lyrik oder Prosa zu schreiben, die den Leser
herausfordert (ist wie Frauen auf den Busen starren, manche finden
das aufregend neu).
6. Sein Leben ändern wollen (wie aus einem fahrenden Auto springen).
7. Sich Modephrasen wie 'actually' abgewöhnen zu wollen (verschwindet
sowieso mit der nächsten Mode).
8. Doch mehr lesen zu wollen (dumm bleibt dumm).
66 - 24.03.01 * 11:03:47
Anfangs hatte ich geglaubt, im pool2 würde alles besser werden,
von wegen anonym und so. So ein Quatsch, es ist wie immer. Fragen
hat keiner, aber Antworten gibt es im Dutzend billiger. Ist ja
auch keiner unter 18 dabei.
Jetzt ist es aber so: Ich stecke in einer Krise. Täglich entdecke
ich öde, verlassene Regionen in meiner Seele. Dort gibt es weder
Echo noch Horizont und auch sonst nichts. Trotzdem kenne ich mich
dort nicht aus. Ich komme mir unbewohnt vor. Das ist überhaupt
nicht zum Lachen, leider. Es ist grauenhaft, aber es war mal viel
besser. Ich versuche herauszufinden, ob ich seit meiner Kindheit
in einem glitzernden Traum gelebt habe und kürzlich aufgewacht
bin oder ob ich nicht vielleicht hellwach war und nun seit einiger
Zeit in einem Albtraum gefangen bin. Manchmal glaube ich, Bücher
könnten mir helfen, dem auf die Spur zu kommen. Mehr Lesen! keuche
ich und habe mir die Stehlampe und den Sessel in die Küche gestellt,
denn dort fühle ich mich am sichersten. Es ist auch angenehm,
da zu schreiben; wenn ich 20 Seiten in meinem Notizbuch vollgekritzelt
habe, koche ich mir Tee und überfliege die schiefen und krummen
Zeilen mit hochrotem Kopf. Es ist roh, es ist unkontrolliert.
Ich hoffe, daß das niemals jemand in die Finger kriegt. Trotzdem:
ich lese noch mal langsam. In der Schule hatte ich einen echten
Naturburschen in der Klasse, mein Kumpel und ich sagten immer
zu ihm: Kanada müßte man komplett abholzen und das alles fliesen.
Wir lachten uns halbtot, weil er jedesmal ausklinkte. Jedesmal.
Jetzt könnte ich ausrasten: alles gefliest. Aber wie hieß das
noch mal, früher: Unter dem Pflaster der Strand!? Vermutlich habe
ich schon angefangen, mein Leben zu ändern.
Dumm bleibt eben dumm.
81 - 24.03.01 * 16:27:31
Aus dem fahrenden Auto springen: Denn sie wissen nicht, was sie
tun.
37 - 24.03.01 * 18:04:26
Woran glaubst du, 66?
37 - 24.03.01 * 18:06:03
Die Wahrheit ist, das Leben ändert einen, es ändert sich von selbst.
Es reißt einem die Haut herunter und dann wächst eine neue, das
wars. Das verzweifelte Fleisch bleibt einem erhalten. Das ist
weder pessimistisch noch optimistisch. Nur eine Beobachtung.
Vielleicht ist es das, was eine Krise ausmacht, daß man mit einer
Klarheit etwas und vor allem sich selbst beobachten kann, und
sich darüber ärgern kann oder freuen, was man sieht. Es deckt
sich nicht mit dem, was man will.
Glücklich sind die, die sich als das darstellen, was sie sein
wollen. Ich habe schon immer die Angeber und die Aufschneider
geliebt. Ihre Angeberei und ihre Aufschneiderei, nicht unbedingt
sie selbst. Allein fallen sie meist in sich zusammen, dürfen sie,
sollen sie, wer liebt schon die Gleichmäßigkeit.
Ich muß, unerbittlich, dahin schreiben, wo ich will. So sein,
wie ich bin, werde ich immer.
Das Schreiben ist eine Haut, der Bildschirm ist eine. Wenn man
sich gegenübersteht, ist der Weg deutlich kürzer.
Mir fällt auf, ich mochte schon immer die Menschen mehr, durch
deren Haut sich das Blau der Venen abzeichnet. Sie wecken in mir
das Gefühl für das Rohe. Dafür sind Begegnungen gut. Durch die
Haut hindurch sehen.
Es irritiert mich dagegen immer wieder, daß so viel Gehäutet und
Geschlachtet wird in Filmen oder Büchern wie American Psycho.
Am Ende ist es doch wieder nur eine Metapher. Was für ein Umweg.
Ang Lee oder Elke Naters (meine Verehrung) schlachten, im guten
Sinne, besser. Der Blick des Beobachters dringt tiefer als ein
Messer.
Fast ein Gegenbeispiel ist Houellebecq, die Sprache seiner Romane
könnte ich trinken, aber die Leute, in denen er herumstochert,
langweilen mich. Ihre Krisen langweilen mich.
Meine Krisen langweilen mich. Sie sind nur der Leerraum zwischen
meinem Sein und meinen Wünschen.
Ich muß vergessen, wer ich bin.
Darum: Abholzen. (Darunter dann der Strand).
Eine Frage am Ende, 81: Wenn du wählen müßtest zwischen den hier,
zwar hinter Zahlen versteckten, aber oben oben aufgelisteten,
Anwesenden, wer würdest du dann am liebsten sein?
66 - 24.03.01 * 20:12:00
Ich glaube an dich, 37, wenn dein Herz genau so klopft wie das
der 81.
66 - 24.03.01 * 20:15:38
Es gibt natürlich niemanden, der ich sein wollte. Nicht auf dieser
Liste, nicht auf einer anderen.
81 - 24.03.01 * 21:17:16
Gestern muss mein Nachbar auf einmal ins Krankenhaus. Irgendwas
mit dem Magen.
Am selbem Abend nur spaeter legen sie ihm einen anderen Typen
aufs Zimmer.
Einen von der Strasse. Heute frueh findet die Krankenschwester
den von der
Strasse, wie er sich anzieht, Hemd, Schuhe, Jacke, alles von meinem
Nachbarn.
Der wacht natuerlich auf und macht Theater. Dann erklaert der
von der Strasse
der Krankenschwester, dass mein Nachbar ein gefaehrlicher Psychopath
ist, und
alle schreien herum, bis noch eine Schwester dazukommt, die sich
erinnert,
mit meinem Nachbarn ueber das Hemd gesprochen zu haben, weil es
aus feinem
Stoff ist, und beide es bedauert haben, dass er es gestern nicht
anstaendig
aufhaengen konnte.
Ich hatte zweimal Herzklopfen diese Woche. Einmal habe ich eine
Frau beim
Stehlen beobachtet. Sie hat einen Pullover nach dem anderen anprobiert
und
alle auf einen grossen Haufen nebem ihrem offenen Rucksack geworfen,
so dass
jeder dritte in ihren Rucksack fiel. Dabei hat sie sich laut ueber
die
Qualitaet und die scheusslichen Farben beschwert und jedesmal
aufs Neue ihren
scheusslichen Riesenbusen im Unterhemd gezeigt.
6 - 25.03.01 * 00:59:09
"Soll ich die alle zur Kasse tragen", habe ich sie in scharfem
Fuehrerton
gefragt und auf den Kindertisch gezeigt, hinter dem meine Freundin
Juliette sitzt. Zack, hat sie mir den ganzen Haufen ins Gesicht
geschmissen und
geschrien:"die gibts doch an jeder Ecke zehnmal billiger" und
ist gegangen.
Das zweite Mal war wegen einem Mann.
6 - 25.03.01 * 01:47:12
Und natürlich mag ich das Schlachten und Bluten, das Häuten und
Schneiden. Mir kann es gar nicht romantisch genug sein. Der feine
Humor, der gepflegte Spott liegen mir nicht. Ich saufe, bis ich
kotze. Ich ficke, bis ich wund bin. Musik höre ich nur laut. Durch
meine milchweiße Haut schimmern blau die Venen und wer mich liebt,
sollte den Wunsch haben, ihren Wegen mit einem Skalpell zu folgen.
Ritz und schlitz.
Verstehst du, 66?
81 - 25.03.01 * 11:09:14
Hätte dein Nachbar, Nr. 6, nicht nur ein feines Hemd, sondern
auch einen feinen Charakter, so würde er sich schlafend gestellt
haben, während "der von der Straße" die Kleider überzog. Dein
Nachbar hätte vor Freude über seine eigene, unerwartete Großzügigkeit
seine Magenschmerzen vergessen und wäre gleich wieder entlassen
worden. Er hätte dich angerufen mit der Bitte, du mögest ihm etwas
zum Anziehen bringen. Noch ganz berauscht vom Stolz auf sich selbst
hätte er dich zum Frühstück eingeladen, Nr.6, ein strahlender
Mann, dessen Gesichtsausdruck zur Kleidung gepaßt hätte.
72 - 25.03.01 * 15:10:06
So entstehen die Mißverständisse und bleiben bestehen, jahrelang:
weil keiner sich traut,
weil niemand was sagt, weil jeder denkt, das soll so sein, obwohl
er doch ganz anders denkt.
Im Grunde genommen so ähnlich wie bei uns zu Weihnachten, als
es immer Pasteten gab
und erst nach Jahren stellte sich heraus, daß KEINER sie mochte.
Meine Mutter dachte,
sie macht uns eine Freude damit und wir dachten, wir wollen unserer
Mutter die Freude nicht
verderben und so würgten wir jahrelang mit fröhlichen Gesichtern
die scheußlichen Pasteten
hinunter.
Lektüre: Ordnung ohne Macht
12 - 27.03.01 * 13:33:34
Letzte Nacht hatte ich Fieber. Hohes Fieber, mein Körper fühlte
sich an, als sei er gefüllt mit glühenden Barren und ich hatte
einen Traum, in dem ich mit anderen Leuten zusammen einen schwebenden
Bodenbelag bildete. Es war ein Magritte-Traum, nur daß wir transparent
waren wie in einer modernen Webgrafik. Statt unserer Skelette
waren die Barren zu sehen. Farblose Goldbarren.
Heute morgen, zerschlagen aber erfrischt von dem verschwunden
Fieber las ich in einem Sammelband ein Interview mit Vincent Gallo,
das er vor vier Jahren der Zeitschrift Dazed & Confused gegeben
hatte. Vincent Gallo hat mit sechs Jahren schon selbstgemachte
Zimtzahnstocher verkauft, war Motorradrennfahrer, hat mit Basquiat
ausgestellt und mit ihm in einer Band gespielt, war Einbrecher
und Autodieb, Schriftsteller, Musiker und Maler.
Der Zusammenhang mit meinem Traum war folgender. Bestimmten Menschen
in meinem Traum war es nicht gestattet Goldbarren in sich zu tragen,
sie wurden ausgewiesen und schlechter behandelt, um es kurz zu
machen, es bildeten sich revolutionäre Zellen. Hätte ich diesen
Traum 150 Jahre früher gehabt, er hätte mir den Weg gewiesen zu
einer revolutionären Gesellschaftskritik, die das moderne Zeitalter
eingeläutet hätte.
Mit diesem Gefühl wachte ich auf, auch erleichtert, weil es 150
Jahre später war. Etwas Großartiges konnte ich mit meiner Erkenntnis
nicht mehr anfangen. Sozialkritisches Bewußtsein führt heutzutage
jeder in seinem Portemonnaie mit sich.
An etwas anderes Großartiges kann ich mich in meinem Leben auch
nicht erinnern, da kam mir Vincent Gallo mit seinem wilden Leben
gerade Recht. Trotz meiner tiefen Abneigung gegen diesen Mann
und seinen idiotischen Film Buffalo 66, mochte ich seine Antworten
gerne lesen, und zum ersten Mal verspürte ich nicht geringste
Regung von Neid.
Dinge, an die ich nicht glaube. Ein wildes, schicksalreiches Leben.
(Als Bedingung für einen Reichtum, der nicht mit Geld zu haben
ist).
In Paris trafen wir Wladimir Kaminer und seine charmante Frau.
Wladimir Kaminer ist durch seine Geschichtensammlung 'Russendisko'
berühmt geworden und er ist ein großartiger Erzähler. Wenn man
ihm eine Frage stellt, erzählt er eine passende und unglaubliche
Geschichte dazu, aber er beantwortet die Frage nicht. Als ich
vor einem Jahr seine und die Lebensgeschichte seiner Frau las,
blieb mir die Luft weg. Manche Menschen erleben in zehn Tagen
mehr, als ich in meinem ganzen Leben. Jedenfalls, was das betrifft,
das erzählenswert und aufregend ist.
Meine erste große Liebe habe ich vermasselt, indem ich ihr, eher
im Scherz, erzählte, ich sei Autodieb. Und obwohl ich nachts nicht
raus mußte auf Streifzüge, oder was auch immer an der Freien Universität
in Berlin eingeschriebene Gelegenheitsautodiebe für einen Tagesablauf
haben, kam es erst heraus, als sie ihre Autoschlüssel nicht mehr
finden konnte. In Filmen kann man sehen, wie Autodiebe sehr flink
zwei verschiedenfarbige, dann britzelnde Kabel aneinanderhalten.
Wie sie die Verschalung unter dem Lenker abkriegen, wird leider
nie gezeigt.
Dinge, an die ich nicht glaube, sind manchmal identisch mit den
Dingen, an die ich bis vor kurzem geglaubt habe, ohne nachzudenken.
Mit dem Interviewband in der Hand und den anderen Büchern und
Magazinen neben meinem Bett, die gefüllt sind mit interessanten
und wilden Geschichten herausragender Persönlichkeiten, merke
ich, woran ich am liebsten glaube: an das aufregende Leben der
anderen.
Nachdem ich heute morgen genug gelesen hatte, ging ich auf den
Balkon und beobachtete einen Handwerker, der Latten an einen Zaun
hämmerte. Es störte mich nicht, daß es bei jeder Latte das gleiche
war, zwei Nägel oben, zwei Nägel unten, und jeder Nagel mit dem
gleichen Rhythmus eingeschlagen wurde. Erst langsam, zögernd,
gefolgt von einer kurzen Verschnaufpause, dann mit schnellen kräftigen
Schlägen, der letzte dumpf, auf Holz. Dann klingelte das Telefon
und ich bekam Herzklopfen, weil ich dachte es könnte jemand sein,
dem ich noch Geld schulde.
34 - 28.03.01 * 14:24:09
Oh Scheiße! Ist reaktionär jetzt wirklich chic!?
261 - 28.03.01 * 16:59:40
Reaktionär war schick, Baby, nur hast du es in deinem Proletenkult
nicht bemerkt.
82 - 29.03.01 * 04:37:56
wenn es wenigstens regnen würde, könnte ich diesen beitrag mit
dem satz "es regnet." beginnen. tut es aber nicht.
1037 - 29.03.01 * 16:57:32
Wartet mal ab bis zum Herbst. Dann wird es naemlich wirklich
reaktionaer.
80 - 30.03.01 * 04:13:30
Ich habe Kraussers Buch vornehmlich beim Laufen durch die Stadt
gelesen. Bei der Lektüre bin ich über zwei Bortsteinkanten gestolpert,
vor einen Laternenpfeiler gelaufen und wäre beinahe auf einen
Dackel getreten. Aber von alldem bereue ich nichts, den die "Schmerznovelle"
ist ein verflucht gutes Buch.
671 - 30.03.01 * 16:37:21

33 - 30.03.01 * 19:19:09
Als ich den Kanzler sah, dachte ich, das ist seltsam. Er redet
langgezogen und sagt gerne: ich glaube ..., und es wirkt sehr
häuslich, gemütlich, aber auch ein wenig so wie eine Rede auf
einer Werft. Der letzte Stahlfräsergeruch der SPD. Darum geben
wir uns auch nicht die Hand, sondern nicken uns nur zu.
Ich bin eine rote Socke, sagte damals die Hotelleiterin auf dem
Darß zu uns. Auf die alten Tage werde ich auch gerne eine rote
Socke, dann mach ich eine Pension an der Algarveküste auf und
duze meine Gäste. Wenn man bedenkt wie klein er von dem Saarländer
gehalten wurde, von allen, und dann war er der Notnagel. Der,
der sich den Bart hat abrasieren lassen, war der Tiefpunkt der
Genossen, ein Ying und Yang mit dem alten, dicken Kanzler.
Sogar ich habe eine Erleichterung gespürt, als die SPD gewann.
Ich ging auf eine Party mit roten Möbeln. So etwas wie ästhetischer
Umbruch war zu riechen und da freut man sich erstmal. Die Menschen
wurden freundlicher, zumindest in Berlin. Es ist das gleiche Phänomen,
wenn Restaurants und Möbelhäuser auf einen neuen Stil umschwenken,
die Firma sich ein neues Büro gönnt, Plätze verschönert werden
und die ganze Besatzung eines Feuilletons zu einer anderen Zeitung
wechselt.
Die ganzen 80er Jahre habe ich darauf gewartet ,und wenn diese
80er Jahre der Januar waren, dann waren die 90er schon der angebliche
Frühling, aber noch März.
Eine Täuschung natürlich. So symphatisch der Kanzler mir auch
zuzwinkert, die Zeit verändert sich zu langsam. Die nächsten zehn
Jahre werden wir in jeder Fernsehsendung und in jedem Supermarkt
floppsige Drum'n Bass Musik hören, die ganzen Cafe del Mars rauf
unter runter und wubbernde Madonnaremixe. Mich überfällt sofort
eine Lähmung. Habe ich mich wirklich gefreut, als ich das erste
i-Book in einer Werbung für Anzüge sah?
Wie schnell ändert sich die Geschichte, wann ist ein Stil verbraucht?
Brauchte ein Modewechsel hundert Jahre, davor Tausend und davor
waren die Dinosaurier. Oder ist das wieder das Bild der Geschichte,
je weiter weg, desto gröber und träger wird sie uns vermittelt?
Wahrscheinlich. Hinter uns her zieht sich das aufgeblähte Gewand
der Geschichte. Es ist aus einem, dünnen und leichten Stoff.
Ein paar Mittzwanziger, die ich kenne, teilen mein Gefühl des
Neuen und schon wieder gealterten überhaupt nicht. Sie leben jetzt,
im ersten Jahr des neuen Jahrtausends in dem komplett geklonten
Stil der muffigen Achziger. Sie rauschen Hasch, kochen sich gemächlich
Tee, atmen schimmelige Luft in Übungsräumen und reden gerne darüber,
daß manche Menschen irgendwie komisch sind, sie können nur nicht
genau sagen wie.
33 - 30.03.01 * 19:21:28
help me hurt me sociology
feed me eat me anthropology
help me hurt me
feed me eat me
1492 - 31.03.01 * 06:59:15
Habe gerade "Der Effekt" von Ingo Niermann gelesen. Puh. War gar
nicht so schwer. Auf die Straße würde ich damit zwar nicht gehen.
Eher an den Strand oder - passend zur Jahreszeit ist das Buch
erschienen - auf einen frisch umgepflügten Acker. Das Buch gibt
eine recht schöne Anleitung. Vielleicht wird doch noch ein "Die
alten Leiden des neuen Werther" draus.
2001 - 31.03.01 * 09:28:00
Das echt perverse an mir ist, daß ich mit über dreißig Jahren
noch in Übungsräumen herumhänge.
77 - 31.03.01 * 10:02:31
Ihre Übersetzung: Earlier, there we were also quite wild. This
grows. The mildew of age lies down over there. And a smile without
eye. We have done the boredom and the surfeit hip and now are
satisfied during our middle years.
33 - 31.03.01 * 18:09:54