© www.ampool.de / Archiv -> www.imloop.de
pool #76 08.01.-14.01.2001
pool #75 / pool #77

Für Martin Fengel. Antje Majewski, Berlin, 4.1.2001, 15.25
per mail - 08.01.01 at 15:44:58
Übungen der Leichtigkeit
Man kann allein schon vom Zusehen sehr viel lernen. Und wieviele Jahre habe ich zugesehen
wie Menschen gedisst, geschnitten und übervorteilt wurden. Zeit es einmal selber zu
versuchen. Am Ende dieses Tages bin ich mir sicher: Es ist eine Kunst, die gewisse Opfer
verlangt. Meine alte Freundin verabschiedete sich eben mit leicht geröteten Augen. Was
ist geschehen?
Sie hat mich wie immer unangekündigt besucht, denn mein erloschenes Interesse an ihr
konnte ich ihr gegenüber nie aussprechen. Wir plauderten ein wenig über diese und jenes,
Jugenderinnerungen, Allgemeinplätze. Ich war aufgeregt als ich zur Übung eine ihrer
Fragen überhörte. Ich sah aus dem Fenster. Ich fand nur bestätigt, was ich mit
Erstaunen beobachtet hatte. Je gröber die Unverschämtheiten, desto entschuldbarer sind
sie. Ich ignorierte auch ihre wiederholte Frage, um dann aus einem gespielten Zustand der
Nachdenklichkeit wieder aufzutauchen mit einem anderen Thema.
Ein junges Paar kam zu einer Verabredung, Architekten, ein wenig naiv, aber für jeden
Spaß zu haben und so unterbrach ich immer wieder die langweiligen Ausführungen meiner
Freundin, um eine völlig andere Frage an die beiden zu stellen.
Das Paar war natürlich dankbar für so viel Aufmerksamkeit, mit ihnen redete ich nur
über ihre, meiner Meinung nach, sehr erfolgreiche Arbeit. Ihre Jugend, ihre Brillianz.
Meine alte Freundin ist dagegen natürlich eine faule Sau, ihr fehlt der Ehrgeiz. Ihr
ewiges Künstlertum. Sie neigt etwas zum Selbstmitleid und hat natürlich auch Pech in der
Liebe. Sogar ein Blinder würde da den Zusammenhang erkennen. Ihr Ex-Freund hat sie
geschlagen, hat sie mir erst vor zwei Wochen erzählt, ich meine, wenn ich ehrlich bin,
wundert mich das nicht. Das erzähle ich natürlich nur dem Paar, als sie gerade auf dem
Klo ist. Ich weihe sie kurz ein in die Sorgen meiner Freundin. Unschlagbar der mitleidige
und verständige Blick der beiden, als sie ahnungslos zurückkommt.
Ich bin nicht erstaunt, wie leicht mir das fällt. Tom Cruise sagt in dem ansonsten
komplett langweiligen Rennfahrerfilm 'Tage des Donners' auf die Frage, ob er denn schon
einmal ein Rennen gefahren sei: 'Nein, aber ich habe viele im Fernsehen gesehen.' Das
erscheint mir ebenso einleuchtend wie die Behauptung eines Freundes, daß unerfahrene
Folterknechte sich bevorzugt von detaillierten Amnesty International Reports inspirieren
lassen.
Ihr Hartnäckigkeit hat mich gereizt, sie war ein wenig irritiert, aber noch guter Dinge.
Wie sie die meiste Zeit bei dem Spaziergang hinter uns ging oder nachdenklich neben
unseren angeregten Gesprächen saß. Ich habe mich dann in regelmäßigen Abständen sehr
um sie gekümmert, sie sogar in den Arm genommen. Das bohrende Gefühl der sozialen
Minderwertigkeit vermitteln.
Es ist auf lachhafte Weise genau so einfach mit ein und der selben Person Ruhm, Erfolg,
Jugendlichkeit und Reichtum als Blendwerk und unwichtig zu bezeichnen, wie sie mit der
Tatsache zu quälen, daß all das, oder auch nur eines davon, nicht auf sie zutrifft,
leider.
Ich habe auch etwas anderes bemerkt: Ein schlechtes Gewissen kann man sich sparen. Wie
alle gemeinen Menschen nahm ich heute an, daß sie nicht weniger durchtrieben und schlecht
ist als ich.
Morgen früh werde ich sie anrufen. Ich werde ihre Lethargie bemängeln und die Zickigkeit
ihrer Antworten.
Abb: Neu Ideen für den pool
Sven Lager - B. - 08.01.01 at 17:36:01
Nie wieder II. Liga
P., Entwiklungshelfer aus Deutschland, war drei Tage und Nächte im mozambikanischen
Dschungel unterwegs zu einem Lager der Renamo-Rebellen. Er sah niemand in dieser Zeit, las
"Glamorama", berauchte sich. Als er mit seinem Landrover im Lager ankam, wurde
er von den Rebellen freundlich empfangen. Sie führten ihn zu ihrem Chef, einem
respektgebietenden Mann von hohem Wuchs und strengem Blick, der ein gelbes T-Shirt trug,
auf dem stand "Arminia Bielefeld darf nicht absteigen!"
Georg M. Oswald - 09.01.01 at 11:11:46
Resurrection
Benno steht auf. Das dauert gemeinhin etwas. Ein Blick nach draussen: Neun Uhr und noch
fast dunkel. Januarhimmel. Vorhin hatte ihn die Sperrmüllabfuhr geweckt. Ein Splittern,
Ächzen, Krachen, metallisch. Es klang, as wäre eine Knochenmalmmaschine unterwegs
gewesen und hätte Gerippe und Wohnungseinrichtung der alten Nazi-Rentner, die unter ihm
wohnen, ein für alle Mal mit großem Getöse verschluckt und verdaut. Gut so, denkt
Benno. Heute ist sein erster Tag im neuen, selbstgegründeten Job. Im letzten Jahr hatte
er die großen Verlage angeschreiben und einen Vorschlag gemacht: Ob man nicht, im Zuge
des geistigen und künstlerischen Umweltschutzes, auch mit abgelehnten Manuskripten eine
Art Recycling umsetzen könnte. Der grüne Punkt der Literatur, sozusagen. Er hatte ein
Angebot formuliert, den Verlagen und Autoren als Resteverwertungsagentur zur Seite zu
stehen. Ideen nicht verkommen lassen, Fragmente verschiedener Texte verarbeiten zu etwas
ganz Neuem, Erfolgreicherem. Das schwebe ihm vor. In Absprache mit den Verfassern
natürlich, unverbindlich. Der Vorschlag war begeistert aufgenommen worden und nun
erwartete er mit der Post die ersten Einsendungen. Lautes Klingeln, zwei Mal. Der
Briefträger. Er rennt zur Tür, barfuß, drückt den Öffner. Erst Summen, dann klickt es
unten im Flur. Die Tür quietscht. Gehgeräusche, Briefkastengeraschel. Die Tür fällt
wieder zu. Benno lacht, klatscht sich in die Hände und dreht sich um. "Ich glaub',
ich geh jetzt erst mal duschen" murmelt er und verschwindet im Bad.
Eckhart Nickel Heidelberg - - 09.01.01 at 16:25:03
Um zu vergessen
trink ich
Nektar.
Lecker und seimig.
Britta Hammerbrook - - 10.01.01 at 15:54:00
Lieber Sven,
bezüglich der Abbildung »Neue Ideen am Pool« möchte ich ein kleines Spiel vorschlagen,
das man, so oder ähnlich, von langwierigen Autofahrten mit Familienmitgliedern oder
Freunden kennt:
Der, der dran ist, muß seinen Text mit dem letzten Wort des Vorhergehenden beginnen.
Bei mir wäre das zum Beispiel jetzt das Wort »seimig«.
Meinst Du, das könnte Spaß und Sinn machen?
Zumindest solange wie die Dauer einer Autofahrt von München nach, beispielsweise,
Göttingen?
The Audience is listening.
Rebecca Casati München - - 10.01.01 at 16:40:04
HANS HINTERLEITNER
27. Februar 1917 - 6. Januar 2001
Die Bruderschaft der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland
trauert um ihren Altgroßmeister.
Hans Hinterleitner wurde im Jahre 1950 in den Bund der Freimauer aufgenommen. Er diente
seiner Loge "Luginsland" in verschiedenen Ämtern, von 1958 bis 1964 war er ihr
Meister vom Stuhl. 1962 berief ihn die Bruderschaft in den Verfassungsausschuß der
Großloge sowie in das Amt des Großschatzmeisters, 1970 wählte der Großlogentag ihn zum
Großmeister und damit in das höchste Amt der Großloge. In seine Amtszeit fiel die
Integration der Großen National-Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln" und der
britischen und amerikanisch-kanadischen Privinziallogen in den Verband der Vereinigten
Großlogen von Deutschland. Auch in diesem, die deutsche Freimaurerei einenden
Großlogenbund versah er wichtige Aufgaben.
Alle, die das Glück hatten, mit Hans Hinterleitner zusammenzuarbeiten und seine stets
warmherzige Brüderlichkeit und Freundschaft zu erfahren, werden ihm ein ehrendes Andenken
bewahren.
Wir trennen die Kette der Hände, die Kette der Herzen bleibt.
GROSSLOGE A.F. u. A.M. VON DEUTSCHLAND
Großmeister, K. H.
Großkanzler, P. B.
Martin Fengel und Andreas Neumeister, - 10.01.01 at 19:54:27
Oder nein! Lieber:
Um zu vergessen
trinke ich
Nektar.
Seimig und leckar.
Außerdem:
Low flowdelity
Du saugst,
Pissnelke.
Britta Höper Hamburg - - 11.01.01 at 14:18:19
Resurrection 2
Während Benno sich in der vorgeheizten Naßzelle entkleidet und das Nachthemd sorgsam
zusammenfaltet, fällt ihm die Unordnung im Arbeitszimmer ein. So geht das nicht, denkt
er. Das neue Jahr ist da und der ganze alte Dreck liegt noch herum. Die Rechnungen, der
Papierkram, all das mußte weg, bevor die eingetüteten Manuskripte den Weg vom
Briefkasten auf seinen Riesenschreibtisch fanden. Er stellt die Duschtemperatur ein und
steigt vorsichtig über den Beckenrand. "Eigentlich dumm, daß ich jetzt dusche,
obwohl erst die Wohnung in Ordnung gebracht werden sollte" , spricht er den weißen,
zugezogenen Vorhang an, der sich, vom Strahl aufgebauscht, nun langsam an das Emaille des
Wannenkörpers schmiegt. Er putzt sich die Zähne, legt den Kopf schief und blickt
kritisch den Duschkopf an. Der Kalk hatte wieder einmal einige Düsen verstopft, die Benno
mit der anderen Hand freirubbelt. Er lacht: alles Geldkanäle, die, noch verstopft, bald
von Verlags- und Autorenkonten auf ihn einströmen würden. Bester Laune seift er seinen
Körper ein, gibt noch etwas Conditioner aus der Plastikflasche ins Haar und schäumt ihn
mit kreisenden Bewegungen auf. Ein geschmeidiger Tagesbeginn sollte es werden.
Das Wort "geschmeidig" war ihm vom gestrigen Abend in Erinnerung geblieben, als
er seiner langjährigen Vertrauten in der Hausbar von seinem vielversprechenden Plan
berichtet hatte. Sylvie hatte über einigen Whiskey Sour immer wieder auf ihn eingeredet,
daß man doch die abgelehnten Texte nicht verändern sollte. Das hieße doch gar nichts,
wenn irgendein Idiot die nicht haben wollte bei den Verlagen, man könne doch nicht alles
Geschriebene auf eine neue Stromlinienform biegen, nur damit ein Text zum Erfolg kommt.
Benno hatte dann immer wieder betont, er wolle ja gar keine Stromlinie, nur etwas
"Geschmeidigkeit". Manchmal, so Benno zu Sylvie, fehlte halt nur etwas
Feinschliff und eine unerwartete Wendung, um aus einem schlechten ein gutes Stück
Literatur zu machen. "Das kannst Du Deiner Großmutter erzählen!" schrie
Sylvie, selbst Schubladenautorin, knallte ihm das Geld für die Drinks auf den Tisch und
ging. Seine Großmutter! Ordnung ist das halbe Leben, so hatte sie ihn immer wieder
ermahnt. Benno dreht die Dusche ab und greift nach dem Handtuch hinter derm Vorhang. Da
klingelt das Telefon.
Eckhart Nickel Heidelberg - - 12.01.01 at 15:17:08
Immer wieder erstaunlich:
Die bittere Explosion hinten auf der Zunge, fast schon im Schlund und dann die
aufsteigende Frische und Grasigkeit in der Nase.
Eine halbe Stunde später schön fiebrig glänzende Augen und rote Wangen. Elastizität
und Anschmiegsamkeit. Liebe mich und leck an mir! Ein Tag und eine Nacht vergehen im
Sinkflug und im Wachtraum.
Dann kommt der Schlaf und beim Aufwachen in der grauvioletten Dämmerung: Magenschmerzen.
Britta - 12.01.01 at 17:31:15
SOFT PUNK AND RADICAL PARADISE
Zeit für den pool sich zu ändern. Wir werden konzeptueller arbeiten. Einmal mit the Buch
(erscheint im Mai 2001), das eine Weiterführung sein und fortgesetzt werden wird. Später
wird es farbig sein, mit thematischen Blöcken, wie ein Magazin, als Buch und
regelmäßig.
An den pool würden wir gerne weiter einladen, aber jeweils nur einen oder mehrere, die an
einem gemeinsamen Projekt arbeiten, für eine begrenzte Zeit. Also mehr bündeln und
zeitlich begrenzen, konkreter werden, einseitiger, radikaler. So wie der pool jetzt ist,
ist er ideal, aber auch ausgereizt. pool scheitert an der Erwartungshaltung, daß täglich
etwas Neues, Gutes, Anderes darin stehen muß und die wirkliche Arbeit nicht mehr sichtbar
ist.
Wir werden den pool jeweils für eine Woche an jemanden vergeben, dessen Arbeit man
täglich verfolgen kann. Es können Gespräche sein, Tagebücher, Bilderserien, eine
Mischung daraus und es wird auch ein Zusammenspiel aus der Folge der Gäste entstehen. Es
sollen natürlich nicht nur Schriftsteller und Künstler sein, uns würde eine Mischung
all derer interessieren, die mit so etwas wie pool arbeiten können und die Möglichkeiten
zu nutzen verstehen. Vielleicht auch für noch konträrere Arbeiten.
Ob wir uns von der bisherigen Form verabschieden ist nicht klar, sie wird irgendwann
einmal auch wieder interessant werden, aber sie ist eben nur eine Möglichkeit. Wir werden
das neue Konzept im Februar starten, wenn für eine gewisse Zeit im voraus eine Folge
absehbar ist.
PS Rebecca: Sämige Tristesse
Sven Lager - B. - 12.01.01 at 19:49:21
Am besten
schmeckt Spucke
in einem Kuss.
Britta - 14.01.01 at 00:58:40