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pool #75 01.01.-07.01.2001
pool #74 / pool #76
Im Hinausgehen dreht J. die Lautstärke hoch. Die Bewegung ist nur minimal, so daß ich
zusammenzucke, obwohl ich ihn ununterbrochen beobachte. Dann verschwimmt er hinter der
Milchglasscheibe im Flur.
Der Nachmittag leuchtet hellgrau, ganz normal, so normal und überhaupt nicht aufregend,
fast wie ausgedacht. Ein ausgedachter deutscher Nachmittag, beruhigend. Alles ist so
sauber und glasklar, besonders der Klang: kein Knistern ist zu hören, nur Musik und
manchmal das Atmen der Musiker und sonst gar nichts.
Es ist schön warm im Zimmer.
Die Kastanie im Hof ist massivschwarz, nur Stamm, Äste, kein Blatt, kein Firlefanz. Sie
erinnert mich an die Kräne und Schlote, die an diesigen Tagen am Horizont überm Hafen
herumgeistern.
Unter den Fenstern des Hauses auf der anderen Seite hat der Regen das Beige ausgewaschen
und die hellen Flecken wirken wie Lichtreflexe. Oben, hinter dem kaputten Dachfenster
leuchtet ein Stück Pappe oder Plastik himmelblau und als ich die ersten Male bei J. war
und aus diesem Fenster sah, war Sommer. Ich glaubte lange, der blaue Himmel spiegele sich
in einer Scheibe und wieder denke ich ganz kurz: Aaah! Blauer Himmel. Oder so.
J. kommt nicht wieder. Die Musik ist zu laut, als daß ich hören könnte, was er macht.
Ich öffne die Tür etwas weiter, der Flur ist dunkel und in meinen Augen blendet mich das
weiße Umkehrbild der Kastanie. Ich taste mich durch den Flur zur Küche und bemerke, daß
ich schleiche wie ein Einbrecher. In der Küche ist es kalt und aufgeräumt.
Ich lausche an der Tür zum Bad. Ich klopfe vorsichtig an. Ich öffne die Tür. Es ist
dunkel und es riecht nach kleinen, nassen Tieren.
Die Tür zu J.'s Schlafzimmer ist angelehnt. Die Musik ist laut und ich stoße die
Tür auf. J. bemerkt mich nicht, er steht mit dem Rücken zu mir vor seinem Bett. Sein
Oberkörper ist nackt und er beugt sich nach vorne, um ein Hemd überzuziehen. Auf seinem
Rücken, genau auf der Wirbelsäule hat er einen Streifen Fell. Es ist kurz und dicht,
glatt und dunkelblond wie die Haare auf seinem Kopf. Unten verschwindet es in der Hose.
Ich hätte nicht ins Schlafzimmer gehen dürfen.
Als ich die Tür zuziehe, streicht er sein Hemd glatt.
Ich betrachte meinen Himmel im Haus gegenüber. Die Musik ist aus. J. kommt herein, er
dreht die Platte um. "Langweilig!?" fragt er und sieht mich aufmerksam an.
Britta Hammerbrook - - 04.01.01 at 13:25:08
In Athen Ausstieg auf das Rollfeld. Tiefblauer Himmel, Sonnenreflektionen auf der
Stahlgangway, ein heißer leichter Wind weht.
Vor dem Flachbau des internationalen Flughafens wartet der Olympic-Bus zum Transfer in
Richtung Domestic Airport. Da die Abfahrt erst in einer halben Stunde angekündigt ist,
komme ich mit dem schnauzbärtigen Busfahrer ins Gespräch, dessen blaues Sakko mit
goldenen Knöpfen die bunten Ringe der Luftgesellschaft trägt. Er steht mit einer
Pilotenbrille im Schatten der Abflughalle, raucht und blickt auf seinen alten verstaubten
Mercedes-Omnibus in Silber und Blau.
Da ich ihn nach der Fahrtdauer frage, macht er eine beschwichtigende Geste und verkündet
in mediterran-verhärtetem Englisch-Singsang: "Wissen Sie, eine halbe Stunde vor
Abflug, das ist mehr als genug." Langsam legt sich eine sonnenaufgeladene Ruhe über
die Reise. Der Fahrer erklärt mir die bunten Stände an der Straße: "Die Wahlen.
Niemand weiß, wer gewinnen wird. Die Mitte-Rechts-Partei hat neue Ideen, aber jeder ahnt,
sie werden es genauso machen wie der Präsident. Ein Viertel der Bevölkerung wählt eher
rechts, ein Viertel eher links. Der Rest entscheidet die Wahl, aus Instinkt. Irrational,
wenn Sie wollen."
Immer wieder kommen Touristen zum Bus, stehen eine Weile ratlos vor der Tür, bis der
Fahrer sie fragt, ob sie auch zum Olympic Airport wollen. Dann öffnet er die Ladeklappen
unter dem Bus, schiebt die Koffer und Rucksäcke hin- und her und mahnt sie zur
pünktlichen Rückkehr. Die meisten steigen gleich ein und versinken in den Sitzen.
Der Bus-Kapitän zündet sich die nächste Zigarette an, pustet den Rauch mit Effet in die
Luft und redet weiter: "Es ist verteufelt. Die Globalisierung kennt nur zwei
Möglichkeiten: Krieg oder Revolution. Die wenigen Reichen werden immer reicher und die
vielen Armen immer ärmer. Nichts wird so weiter gehen. Wir erleben die Ruhe vor dem
Sturm. Auch der Euro wird daran nichts ändern. Das Geld wird anders aussehen, mehr
nicht." Er schaut kurz auf seine silberne Uhr, wirft die halb aufgerauchte Zigarette
auf die Straße und macht ein Zeichen zum Bus hin. Wir fahren ab.
Nach der ersten Kurve sieht er sich noch einmal nach den Passagieren um, hält kurz an und
fragt mich, ob wir auch den jungen Traveller mit der Rundum-Sonnenbrille im Bus haben,
erkennt ihn dann aber schlafend im Fond und fährt, nachdem er von hinten angehupt wird,
weiter. Immer sehr dicht am Vordermann bremsend, als sei der Bus nun seine behauptete
Grenzstellung zur Welt.
Eckhart Nickel Memorabilia - - 04.01.01 at 18:42:56
Unbreakable? Forgetable.
lorenz Schröter Berlin - - 06.01.01 at 16:34:28

Antje Dorn Berlin - - 07.01.01 at 18:40:41