© www.ampool.de / Archiv -> www.imloop.de

pool #70 23.11.-30.11.2000

pool #69 / pool #71




Derzeitiger Lieblingsspruch, auf besten HAMBURGISCH ausgesprochen - dabei müssen die Arme die gute Pilsbier-Luft über einem "Schumanns's"-Tisch umarmen: "All over the world". Und alles lächelt. Und der Abend wird endlos und prächtig sein.


Moritz von Uslar, München - 23.11.00 at 12:35:42





Iggy Pop: Nazi Girlfriend
Doors: Adolf Hitler
John Cale: She went to Germany
Vibrators: I'm gonna be your Nazi Baby
Fishbone: Subliminal Fascism
Style Council: Ghosts of Dachau
Exploited: Hitler's in the Charts again
Boomtown Rats: I never loved Eva Braun
Spike Jones: Der Fuehrer's Face
The Lotus Eaters: German Girl
Leonard Cohen: First we take Manhattan, then we take Berlin
Momus: Germania
Faith No More: Crack Hitler
Go Betweens: German Farmhouse
Brian Eno/Robert Fripp: Swastika Girls
Elton John: Fascist Faces
Captain Beefheart: Dachau Blues
Violent Femmes: She went to Germany
Ludichrist: Der Fuehrers Face
Dead Kennedys: Nazi Punks Fuck Off
Townes van Zandt: German Mustard
Billy Bragg: All you Fascists
Elvis Costello: Two little Hitlers
Dwarves: Love Gestapo
Die Krupps: Germanic
Superchunk: Animated Airplanes over Germany
Eek-a-Mouse: Hitler
Lowell George: Himmler's Ring

Abb: Right said Fred




Christian Kracht & Tina Obladen Hong Kong - - 23.11.00 at 14:02:07




'Deutschland, Deutschland über alles.' singt er leise, gerade hat er mir noch erzählt, er wäre Mal Symphatisant der RAF gewesen, dann Bewegung 2. Juni. Jetzt ist seine Haut ledrig und er sitzt ohne Hemd in einem Restaurant am Meer und schaut auf den gleißenden Horizont. Tatsächlich bricht sich das Licht in seinem Bier golden. Ohne zu zögern könnte ich ihm jetzt den Kopf abschlagen, weil ich bin mir sicher, daß er herunterfällt wie ein Klumpen Pappmachée. Er bietet mir noch eine seiner Zigaretten an aus einer Packung, die immer offen neben ihm liegt. Eine kleine Geste der Gastfreundschaft.
Er kommt mir vor wie ein Nazi, der im Urwald ein neues Leben angefangen hat. Er hat eine Witwe geheiratet, die Sprache gelernt, die Schule mitgebaut und schreibt auf Deutsch für eine kleine Zeitung, in der Wurstfabrikanten inserieren. Deutschland, sage ich, und er gibt mir Feuer mit seinem Einwegfeuerzeug, das er in einem Lederetui hat, mein Deutschland ist längst ein Flughafen, außerhalb jeder nationalen Zone. Weißt du, daß Naumann abgedankt hat? Er nickt und schmatzt mit einem Zahnstocher.
Ich sehe eine Weile der Amerikanerin zu, die Seite um Seite in ihren Collegeblock ritzt. Obsession und Großbuchstaben. Was wir übrig haben ist die Sprache, das ist alles. Gestern habe ich eine Engländerin getroffen, sage ich, die mit mir Deutsch sprechen wollte. Es kam mir vor wie ein schönes Geheimwissen. Beides kam aus ihrem Mund, das Knappe des Deutschen, wie ein Haiku, und darin verpackt das Schlaue, Treffsichere des Englischen. Enrichment und Verschlankung. Dein Deutschland gibt es schon lange nicht mehr, es ist verschwunden. Das Blei deiner Vergangenheit, denke ich. Ich weiß noch nicht ein Mal, ob er mir zuhört.
Ich denke an die Filmemacherin, den DJ und den Videokünstler aus Deutschland, denen ich letzte Woche im Goetheinstitut vorgestellt wurde. Als wir zusammenstanden, rauchten wir und schwiegen.


Sven Lager - B. - 24.11.00 at 21:16:15

 



 


Jan Wenzel - via mail - 24.11.00 at 21:20:18




November:
Bitte einen Monat ohne Björk, Matthias Politycki, Lesung mit anschließend DJaing, Jack Nicholson mit 50 Jahre jüngerer Freundin, Nutten mit Herz im Fernsehen. Ich tu ja was ich kann, lese den Spiegel nicht, Stern und Zeit sowieso nicht, bin sogar auf RTL-Entzug, trotzdem schwallt es mich an.
Was muss ich noch tun?


Lorenz schröter Berlin - - 25.11.00 at 11:27:06




Gerade eine Darkroom Techno Version von 'Jingle Bells' in einem Kaufhaus gehört. Dabei Cindy (Sherman? Lauper? Nein!) Crawford auf einem Videoscreen beim Workout in einer sonnigen Fabriketage zugesehen und mich dabei gefragt ob Michael Douglas (Er hat eine jüngere Frau GEHEIRATET) besser küsst als Jack Nicholson.
Danach sofort nach Hause gelaufen und mich mit 'Terminator 1' gereinigt.

Für Lorenz:

Jörg Jörg Jörg Björk
Jörg Jörg Björk Björk
Björk Jörk Björg Jök
Jök Jök Börg Jök

Jök?


Sven L. - B. - 25.11.00 at 20:23:15




der Planet auf dem wir leben
der Kontinent auf dem wir leben

der Staat in dem wir leben
das System in dem wir leben

die Sprache mit der wir leben
das Weltbild mit dem wir leben

das Denken in dem wir leben
das Wahn in dem wir leben

Figures 1-8: Useless roads on the west side of Bern


Andreas Neumeister - 25.11.00 at 20:23:54




1
Der Mann vor dem Dom hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Arme ein wenig ausgebreitet. Wie vor Gericht, beim letzten Satz der Schlußworte des Angeklagten. Es schien passend, daß Buß- und Bettag war.
2
Einer aus der Gruppe, mit der ich einige Tage gemeinsam verbrachte, scherte plötzlich aus mit den Worten, das sei ja eine besonders hübsche Bar. Wenn sehr große und schlanke Männer weite Schritte machen, hält man ihre Hast für Eleganz. Innen schaute er sich um, indem er eine Pirouette machte, den Regenschirm in die Armbeuge gehängt. Vielleicht ging er auf die Zehenspitzen dabei.
3
Er sah aus wie eine Spule Nähgarn, an deren losem Ende gezogen wird. Langsam, ein wenig stockend dreht sie sich, als müsse sie sich ihre Umgebung erst ansehen.
4
Ich folgte dem Faden und entdeckte den Blick, der meinen Begleiter in die Gaststätte hineingezogen hatte.


Carmen Samson Berlin - - 26.11.00 at 12:33:50

 




Jan Wenzel - via mail - 26.11.00 at 17:49:35




"Obwohl ich in den Augen der Welt natürlich ein entehrter und ruinierter Mann bin, so erfüllt mich doch jeder Tag mit Staunen über all das schöne, das mir geblieben ist: treue und liebevolle Freunde; Gesundheit; Bücher, eine der großartigsten Welten, die Gott jedem Menschen geschenkt hat: der Festzug der Jahreszeiten; die Lieblichkeit von Blatt und Blüte; die silbern verhangenen Nächte und das Frühlicht im Goldnebel. Oft fühle ich mich sonderbar glücklich."

Danke, Oscar Wilde. 100 Jahre sind es am Donnerstag.


Eckhart Nickel Heidelberg - - 27.11.00 at 14:17:53




Johnny Cash sagt: Here is my personal selection of my recordings of songs of robbers, liars and murderers. These songs are just for listening and singing. Don't go out and do it

Abb.: San Quentin/California


A.N.,M. - 27.11.00 at 23:20:11




Zwei völlig verschiedene Gedanken.

Vom Weiß des Hintergrunds aus betrachtet ist jedes Wort nur eine Verunreinigung, schöner Dreck. Mal über den Bildschirm wischen, ob was verschwindet. Unerbittlich die Buchstaben.
Tippen Tippen Tippen. Gerade länger telefoniert und gedacht: wie angenehm das wieder ist. Reden. Dafür kann das Schreiben nichts, aber es ist so. Mails schreiben, das rangiert wirklich noch weit hinter 'Im Bett rauchen und verbrennen.' Was ja auch nicht wirklich lustig ist, aber immerhin noch seinen eigenen Glam hat.
Madonna geht in London morgens nach dem Yoga in ihr Büro und widmet sich eine Stunde lang den Mails ihrer Freunde. Na und?
Die Bildschirme werden verschinden und das Getippse. Die bunte Welt der WWW-Surfer.
Da ist er schon wieder der Moment: Ich schreibe, weil ich es nicht mag. Ich tippe, weil es mir widerstrebt. Denn es gilt nicht, nicht weiter zu wissen. Weil auch das Blödeste Leersein im Kopf zu etwas gut sein muß.
Ich streiche also alles bis hierher und schreibe nur folgenden Satz auf (für heute):

Die Jugend ist nichts als der Rohzustand der Gefühle, darum verliere ich gerne meine Jugend, denn nur so kann ich mich ihr voll und ganz widmen, den Reiz ihrer Grobheit auskosten, den sie auf mich hat in der Entfernung.

Und das ist natürlich für Oscar, nicht von. Und so macht alles wieder einen Sinn.


Sven Lager - B. - 28.11.00 at 18:51:08




DAS LEBEN ALS KRISTALLTRÄNE
(In der Träne fallen Schneeflocken, und meistens schleppen sich kleine Gestalten in Zeitlupe dahin! Es ist der Versuch, sich an die Unschuld, die Aufgewühltheit, die Fähigkeit zum Staunen - wie seicht sie auch sein mag - zu erinnern)
VERSUCH 1: GOOD SOLID GOLDEN WEIRD HAPPINESS
Hello Kinder! Gestern fuhren wir also sehr langsam durch die duftenden Hügel von Bel Air. Wir wollten sehen, welche Mitglieder des Hollywood-Adels bereits die Technicolor Weihnachtsbeleuchtung installiert hatten. Ich muss zugeben: Bel-Air-Villen sehen ohne blühenden Leuchtschmuck wie FUNERAL HOMES aus. (Natürlich sind es genau diese toten, leeren Augenblicke, die den grossen Spass von Los Angeles - oder: Hello Munich, "Ich liebe Entfremdung" - ausmachen) Daran musste ich denken, als wir auf dem Santa-Monica-Boulevard einbogen - und an die folgende Kristallträne:

ME, THE CHICKEN AND THE EGG
A chicken is a kind of bird.
A baby chicken is called a chick.
Chicks hatch from eggs.
Watch the chicks hatching!
You may ask yourself:
How does a chick get out of an egg?
How do you think a chick feels right after hatching?
And what came first: ME, THE CHICKEN OR THE EGG ?
Observe the older chicks!
How are they different from the chicks who just hatched?
And you may ask yourself:
How many are the same color?
Do all chicken sound the same?
Can chicken fly?

Bald traf uns eine solid-cool-goldige "Entfremdung" - eine Verletzbarkeit, ein Staunen, eine Offenheit und Ehrlichkeit: dieser extrem erstrebenswerte und angenehme Idealzustand von Erschöpfung und Heiterkeit, wo man am Ende des Satzes nicht mehr genau weiss, wovon der Anfang eigentlich gehandelt hat.


Tom Kummer Los Angeles - - 28.11.00 at 23:53:59




Ich würde gerne Jan Wenzel erzählen, daß ich einmal einen Goldfisch hatte, dessen Namen ich vergessen habe. Je länger ich das Bild anschaue, desto klarer wird mir, daß er Goldi geheißen haben muß. An den Tag, an dem ich ihn in einer Plastiktüte nach Hause trug, erinnere ich mich ganz genau. Es war Frühsommer, und der Mann im muffig riechenden Pet Shop hatte mich ermahnt, auf dem Heimweg nicht zu trödeln.
Im Sommer lud meine Freundin Britta Diestelmeier mich ein, eine Woche mit ihr und ihrer Familie an den Strand zu fahren. Ihr Goldfisch kam dabei zu meiner Familie in Pflege. Ich gab mir Mühe, Britta eine gute Freundin zu sein, aber als ich abgeholt wurde, war ich erleichtert.
Meine Mutter, die damals vergleichbar schön war wie die Dame rechts oben im Bild, nur blond, teilte mir im Auto mit, Goldi sei gestorben. Er hätte sich so über seinen neuen Spielkameraden gefreut, daß er aus dem Aquarium gesprungen sei. Meine Mutter sagte, sie hätte ihn beim Staubsaugen unter dem Schrank gefunden. Ganz staubig sei er gewesen.
Heute verstehe ich, daß mich die Umstände von Goldis Tod so interessierten.


Carmen Samson Berlin - - 29.11.00 at 11:40:27




Moritz von Uslar! Auch wenn ich sonst nicht viel von dir halte, heute: Danke! Weil:
Gestern schön vor der Glotze abgehangen, S04 - BVB09. "Vollschweindepp!", sagte Julius immer, wenn A. Möller im Bild war.
Erst mußte ich aber mit dem Fahrrad zu Julius fahren, ich hasse die Autofahrer und schrie bei jeder Gelegenheit: "Vollschweindepp!"
Noch davor traf ich Boris auf der Treppe, er hatte seine Mappe unter den Arm geklemmt und ich rempelte ihn an. Nur im Spaß, aber trotzdem segelten die Drucke bis runter in den zweiten Stock. "Vollschweindepp!" raunzte er mich an.
Am Morgen aber fand ich eine Karte im Briefkasten. Drauf stand: "Geliebte Fickmilbe!"


brtt hmbrg - - 30.11.00 at 17:00:58