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pool #67 01.11.-07.11.2000
pool #66 / pool #68
Antje Dorn, Berlin - - 01.11.00 at 16:56:54
Interessant, daß angeblich nur die Kreativen und Begabten schnubbeln, also koksen. Wieso
ist es Daum dann nicht eingefallen seine Haare ein bißchen zu frisieren? Gibt's es doch
schon bald in jedem Supermarkt: Entgifter in allen Lebenslagen, Spurenbeseitiger,
Frischmacher. Schlaunasen wie Dieter Bohlen wissen das doch schon längst.
'Du hast da was an der Nase.'
'Wo? Ach so, danke. Meine Güte!'
'Das haben bestimmt alle gesehen auf dem Weg vom Klo. Die wissen Bescheid.'
'Au weia, meinst du.'
'Wie ein Anfänger. Guckst du gar nie in den Spiegel? Schau Mal, der Schröder ist auch
da.'
'Wo? Echt? Tatsächlich. Und der mit der Sonnenbrille, is das Westernhagen?'
'Ich würde jetzt nicht so durch die Nase schnauben, dir fallen schon die Brösel raus.
Wegen dir kriegen wir hier wahrscheinlich keinen Tisch mehr.'
'Guck Mal, die Feldbusch reibt sich auch schon die ganze Zeit die Nase. Ich wette die geht
auch gleich... Na bitte!
'Sag Mal, wo bleibt denn Axel? Sein Essen kann er sich ja gleich einpacken lassen.'
'Äh, ich glaub, der macht noch was klein, oder so. Ich geh Mal nachschauen.'
'Thomas?'
'Ja, was denn?'
'Dein Hosenstall ist offen.'
'Oh danke. Hier gehts ganz schön rund, was?'
'Ja, toller Abend.'
'Ich mach mich nur kurz frisch, ja? Gleich gehts weiter.'
'Super, ich freu mich. Dein Jackett ist hinten geplatzt.'
'Oh nee! So ein ..., wo? Hier?
'Nur Spaß.'
Sven Lager - B. - 02.11.00 at 18:38:03
Donnerstag, der 02.11.2000
Danny habe ich in einem neuen Laden in der Schanze kennengelernt. Er sieht sehr besonders
aus: dunkler Anzug, orangefarbenes Hemd und er hat eine ganz dicke Brille, die immer
schief auf seiner Nase sitzt. Weil die Brille so dick ist, hat er dahinter riesengroße
Augen. Das kann man aber nur erahnen, weil die Brille so dreckig ist und eben so schief,
daß man eher ein riesengroß vergrößertes Stück Augenbraue oder Wange oder Wimpernrand
sieht. Außerdem steht Danny immer neben mir oder hinter mir, jedenfalls habe ich ihn
bislang nur einmal frontal gesehen, da konnte ich auch mehr von seinen Augen sehen. Aber
dazu komme ich später.
Danny hat hübsche schwarze Haare, ziemlich lang, mit Seitenscheitel, der ein bißchen die
Brille und die dicken Gläser und die Augen und die Augenbrauen und die Wimpern und den
Rest seines Gesichtes verdeckt. Nur die Nase nicht, die ist nämlich römisch und kann
sich durchsetzen und geschmackvoll in Szene setzen.
Danny hat mich mit seinen merkwürdigen Akzent, der für mich ein wenig italienisch
klingt, aber er meinte, nein, das sei Cockney, so reden die alle in London, und da ich von
Akzenten, außer Manchester, keine Ahnung habe, habe ich beeindruckt den Mund gehalten und
es cool gefunden. Also, Danny hat mich vollgetextet. Er sagt immer gerne, er sei
"fucked up" und so.Und dann fragte er, wieso ich mit 25 noch immer studiere. Ich
sage, weil ich erst mit 25 angefangen hätte zu studieren und außerdem sei ich schon 30.
Wieso ich mit 30 jünger als seine Frau aussehe, und die wäre immerhin erst 29.
Konnte ich ihm auch nicht sagen, hätte allerlei Lösungen parat gehabt (weil ich 10
Stunden pro Nacht schlafe und weitere 8 Stunden am Tag im Bett herumgammele, weil ich
nicht rauche, weil ich nach 3 Gläsern Wein ins Koma oder die Arme des nächstbesten
Mannes falle, weil ich so ein sorgenfreies Leben habe, blablabla). Und weil ich jetzt
gehen muß. Abgang.
Ich habe ihn dann vorm bp in der Schanze wiedergetroffen, ich war schon ziemlich besoffen,
weil ich die Caipis so schnell runtergestürzt habe, da waren nämlich so viele
Limonenfitzel drin, und ich dachte bei jedem Schluck, das mir diesmal bestimmt keiner
davon an der Lippe hängenbleibt, aber denkste, also den nächsten Schluck. Jedenfalls
steht er da wieder, dunkler Anzug, orangefabenes Hemd, dicke Brille und den alles
versteckenden Seitenscheitel mitten im Gesicht.
Wieder italo-cockney-Blabla, er werde demnächst mit einer Band nach Portugal fahren und
sein Outfit, das wäre alles nur, weil er ja Musiker ist, das sähe zwar etwas schwul aus,
aber das gehöre zum Image. Ich wundere mich und staune und zupfe die Limonenfitzel von
meiner Unterlippe. Außerdem versuche ich kranpfhaft eine Stelle an der Wand zu finden, an
der ich mich unauffällig anlehnen kann, damit keiner merkt, wie betrunken ich schon bin.
Das ist nicht so einfach, denn viele vermeintlich guten Schaufenster-Stehplätze sind
tagsüber einfache hier-heb-ich.mein-beinchen-ob-hund-oder-Herrchen-Plätze und stinken
ganz schrecklich. Merkt man allerdings nach einiger Zeit auch nicht mehr.
Danny erzählt, "I want be famous before I die" und "Iwant be famous until
I am 27, because I want to die at 27." weil Jimi Hendrix und Curt Cobain und Jim
Morrison und so weiter.
Ich sage ihm, daß aber Jimi Hendri bestimmt nicht mit 27 sterben wollte, und daß er
unglücklich und allein und unverstanden gestorben ist, weil keiner mehr seine Musik
hören wollte und ihn alle nur ausgenutzt haben, falsche Freunde und so.
Danny will nun auch unverstanden sterben.
Mein Argument, er könne ja auch noch mit 97 unverstanden sterben, denn mit 97 versteht
ihn bestimmt keiner mehr in dieser bösen, oberflächlichen, schnell lebigen Zeit, hört
Danny nicht mehr, er hat sich schon weggedreht.
Ach ja, irgendwann vorher meinte er noch, das war, als wir und das erste und einzige Mal
frontal gegenüber gestanden haben, daß ich doch aussehe wie 30. "It's in your
eyes."
Vorgestern habe ich ihn in der Schanze eingesammelt. Nach 14 Tagen. Er war ganz in
schwarzes Leder gekleidet, schwarze Lederhose, schwarze Lederjacke, schwarzer
Rollkragenpullover, Mittelscheitel (!). Und rauschte direkt auf mich zu, er sei gerade
acht Stunden am Flughafen Fuhlsbüttel rerumgestanden, weil er heute abend auf einem
Konzert in London spielen sollte, das einzige Event, daß er in vier Jahren mal geplant
hat. Und due to tecnical problems ist Stansted gesprerrt und er konnte nicht nach London,
höchstens über Stockholm und aus lauter Verzweiflung hat er Speed genommen, darum müsse
er so viel reden. Wir sind dann mit seinem Samsonite Koffer in der Schanze rumgelaufen,
bis ich ihm, da er mal wieder keine Bleibe hatte, auf mein Sofa eingeladen habe.
Er hat sich ein bißchen gefürchtet, weil ich ihm erzählt habe, daß ich immer Typen,
mit denen ich was habe, umbringen will. Er wollte auch genau wissen, wo ich meine Messer
aufbewahre, weil doch Halloween ist.
Aber wir sind ganz brav geblieben. Ich auch.
Zum Frühstück wollte er einen Scotch on the Rocks. No coffee, thanks.
Sabine Weber Hamburg - - 02.11.00 at 19:39:57
Der schlimmste Zug, und das wußte ich schon immer, der schlimmste Zug ab Frankfurt nach
Heidelberg ist der 17.54, vollgestopft mit Pendlern, die sich durch die Gänge drängeln,
und am schlimmsten ist der schlimmste Zug nach Heidelberg an solchen Tagen, wenn es schon
kalt ist im Herbst und die Bahn einmal was Gutes tun will und die Heizungen aufdreht, wenn
also ein ohnehin schon enges Abteil mit fünf Leuten zum Reagenzglas wird, weil ja alle
Pendler immer zu spät sind und also schwitzend, mit diesen vom Regiowagen neon
angeleuchteten Perlen am Rand der Stirn, im Abteil sitzen und noch etwas Arbeit in den Zug
mitgebracht haben, die Hemden also vom Arbeitstag zerkrumpelt an den Körpern kleben,
während überdimensionale Ordner mit Kuchendiagrammen ausgepackt werden und
Geschäftsgespräche losgehen, die dann in etwa so klingen:
"Du, der Kevin hat Holland abgelehnt."
"Ach, echt, wieso denn?"
"Na Holland wäre nochmal R2 gewesen, und das stirbt ja gerade ohnehin, das kennt er
schon".
"Und das geht?"
"Na klar, der hat dann drei Wochen Ägypten mitgenommen. 40 Grad im Schatten, das hat
er mir gemailt."
"Projekt und Schulung?"
"Nee, Projekt."
"Und die Janine? Da war er doch gerade am Start?"
"An der beißt sich noch jeder seine Zähne aus."
"Wie, Du auch?"
"Nicht mehr. Da hab' ich schnell gemerkt, die ist zwar hübsch, hat aber ein echtes
Problem mit Männern."
"Ach so."
"Und was ich Dir noch sagen wollte, wegen der Präsentation: Zwei Sätze niemals:
Erstens: Ich hatte keine Zeit, mich vorzubereiten. Zweitens: Für mich ist das jetzt auch
ein Sprung ins kalte Wasser, weil ich noch nicht so viel davon verstehe. Verstehst
Du?"
"Klar, Danke."
Eckhart Nickel Heidelberg - - 03.11.00 at 11:34:53
"Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges."
Irgendwas ist daran merkwürdig, weiß ich. Dann wird es mir klar: die Stimme kommt nicht
aus den Lautsprecher, und dieser Satz wird auch nicht in der S-Bahn, sondern in Fernzügen
gesagt.
Ich setze mich in die Nähe des Mannes an der Tür. Er schaut in Fahrtrichtung und spricht
seine Ansagen gegen die Glasscheibe, die den Eingangsbereich von den Sitzbänken trennt.
Er sagt "Türenschließenabfahrnbidde", und in diesem abschließenden
"Bidde" liegt die gleichgültige Autorität eines, der weiß, daß auf sein
Kommando nicht nur dieser, sondern hunderte von Zügen fahren - stündlich.
Bei der Einfahrt in den Lehrter Stadtbahnhof erklärt er, wie die S-Bahnen in Zukunft
geführt werden, und während ich noch überlege, ob es so sein kann, sagt er:
"Ausstieg links". Vor lauter Inbrunst klingt es ein bißchen wie
"Arschtritt", aber das ist bestimmt nicht beabsichtigt.
Eine weibliche Lautsprecherstimme im Bahnhof teilt uns mit, der Zug nach Ahrensfelde
führe über die Bahnhöfe Friedrichstraße, Alexanderplatz und Ostkreuz.
"Ostbahnhof, Warschauer Straße und Lichtenberg haste vajessn."
Am Hackeschen Markt danke ich ihm für die Führung. "Auf Wiedersehen", sagt er,
und preßt würdevoll den grün und rot blinkenden Öffnungsknopf in der Tür.
Carmen Samson Berlin - - 04.11.00 at 09:41:58
Immer wieder erschreckend: Mit wieviel Papier sich der erwachsene Mensch herumzuschlagen
hat. Ein Nachmittag, ein Abend geht dahin und der Stapel an Post, Unerledigtem,
Aufforderungen, etc. nimmt kein Ende. Mitunter die Erinnerung daran, wie wenig Post es zu
Studienzeiten gab, aber wie substantiell diese dann doch war. Von etwas viel Aufhebens
machen, ich habe verstanden. Aber alles muß aufgehoben werden wg. Steuer, späteren
Forderungen, nachprüfbaren Vorgängen. Entsetzlich. Ich hätte zwei große russische
Romane lesen können unterdessen. Nichts macht müder als die immer gleiche Schraffur
unleserlich gewordener Taxi-Quittungen.
Eckhart Nickel Heidelberg - - 05.11.00 at 00:57:52
Als meine Tante Felicitas durch das umkam, was wir alle einen "tragischen
Unfall" nannten und auch so in die Todesanzeige setzten, obwohl das der allgemein
anerkannte Code war für einen Selbstmord, wußten wir nicht viel von ihrem Leben. Das
änderte sich bald nach der Testamentseröffnung, denn sie hatte die Frau ihres Bruders
Beat zu ihrer Nachlaßverwalterin ernannt, die Wohlgesonnene in der Verwandtschaft ein
"Kommunikationstalent" nannten.
So erfuhr die Familie bald von den Korrespondenzen, die in Schuhkartons und Aktenheftern,
Stehsammlern und Plastiktüten verstaut waren, "nach Männern und Jahren
geordnet", wie die Frau meines Onkels Beat zu sagen pflegte. Es seien Bilder darunter
gewesen, Ausschnitte aus Zeitschriften mit dem handschriftlichen Vermerk: "Damit Sie
schon mal wissen, wie ich aussehe!" und mit einem freundlichen Gruß, der auf
späteren Blättern, so meine angeheiratete Tante, zu herzlichen Grüßen und schließlich
vieltausend Küssen wurde, bis auch dieser Briefwechsel abgerissen war.
"Ich kann die doch nicht alle anschreiben und um Felicitas' Briefe bitten!"
sagte sie, und wich den Fragen von uns Jüngeren aus. Die Erwachsenen in der Runde aber
nickten und spitzten die Lippen, als schmeckten sie ihre Mißbilligung noch einmal nach,
und das Schmatzen, das dabei manchmal entstand, schien zu zeigen, wie sehr ihnen ihre
eigene Ehrbarkeit mundete.
Schließlich aber konnte man es auch vor uns nicht mehr verbergen, denn in einer besonders
schönen, großen Pappschachtel mit gestreiftem Deckel tauchten Briefe eines Mannes und
Texte meiner Tante Felicitas auf, die während der vier Jahre vor ihrem Tod geschrieben
worden waren. Er schickte ihr zu irgendwelchen wichtigen Terminen, von denen keiner mehr
wußte, was da gewesen sein sollte, vierblättrige Kleeblätter, sie ihm Gedichte. Obwohl
er nie mit vollem Namen unterschrieb und nur ein einziger Liebesbrief dabei war, kannten
doch alle seine Handschrift. Er war der Mann unserer Nenntante Lucia gewesen, und da
verstanden wir als erstes, warum die Korrespondenz nicht zu erbitten war, und warum ein
solches Bitten ohnehin zwecklos gewesen wäre, denn, so sagte die Schwägerin meiner Tante
Felicitas, die Frau meines Onkels Beat: "Die wären ja wahnsinnig gewesen, so was
aufzuheben - und stell dir mal die arme Lucia vor, wie es der jetzt geht."
Die Nenntante Lucia war verwitwet, und wir erinnerten uns nun alle an die Beerdigung ihres
Mannes, bei der unsere Tante Felicitas, wie es uns von Mal zu Mal deutlicher wurde, wenn
wir darüber sprachen, merkwürdig schweigsam und in sich gekehrt gewesen war.
Wenn mein Onkel Beat wie sonst immer auch in das Schweigen nach dieser Geschichte hinein
sein Schnapsglas erhob und mit seiner tiefen, runden Stimme ausrufen wollte: "Auf die
Liebe, auf das Leben!", fuhr ihm seine Frau über den Mund. Das sei nun wirklich
nicht passend. Vor den Kindern. Und so senkte sich wieder Stille über die Familie, bis
jemand einer Cousine an den Zöpfen zog.
Carmen Samson Berlin - - 05.11.00 at 18:18:34
Ich hole meinen neuen Käfer vom Schrauber ab. Ich liebe Schrauber. Den besonders. Weil er
ganz jung ist und ganz dünn, pinke Haare hat und aus jeder Lehrstelle fliegt, wegen
Speed. Mit dem Käfer zum Schrauber, das ist bisschen wie zum Arzt gehen. Der Käfer steht
auf dem Hof, rund und irgendwie schwanger, aber nicht schlimm. Die geschweissten Stellen
sehen aus wie OP-Narben. Ich habe Mitleid. Der Schrauber weniger. Er steckt gerade
Schalthebel in die Blumenbeete. Sieht total beknackt aus. Kommt auf mich zu, einen der
Schalthebel über dem Kopf schwingend. "Hast du das Geld mit? Steck's mir hier
rein!" Er öffnet den Reissverschluss seiner G-Star und lässt den Autoschlüssel in
meinen Ausschnitt fallen. Wie beim Arzt eben. "Die Kiste fährt nie, nie mit dir. Mit
mir ist sie nur über den Hof gesprungen." Ich könnte ihm erklären, woran das
liegt, schlage aber lieber die Tür zu. Es riecht: nach Käfer. Wenn es das als Parfum
gäbe, könnte ich auch mal was anderes als Käfer kaufen. Die erste Fahrt. Wromm macht
es, der Motor läuft. Originalmotor. 41 Jahre als, wie das Auto. Jadegrün ist es, und die
Sitze haben genau die gleiche Farbe wie meine Lederjacke. Alles ist ganz klein. Die
Scheibenwischer sind so lang wie mein Arm vom Handgelenk bis zum Ellenbogen und sehen aus
wie ein Video von Björk. Ich fahre vom Hof. Links und rechts in den Siedlungen hat
LBS-Bausparen gewütet. 'Pflück Dir den Sommer' steht auf einem Schild in einem der
Felder, in denen man für fünf Mark zehn Blumen schneiden kann, das Messer hängt neben
der rostigen Kasse. Pflück dir den Sommer, aber es blühen nur Astern. Ich ziehe die
kleine blauschwarze Eichelhäherfeder aus der Tasche und stecke sie an den Tacho. Von
einem Käfer in den anderen, seit Jahren. Da hinten im Betonwerk, da lackiert Milan Autos.
Wenn man an das Tor ballert, schickt er einen Polen raus. Man sagt, dass man zu Milan
will, dann donnert der Pole "Wer is Milan?", darauf muss man ein paar
Zaubersprüche wissen und die Werkstatt öffnet sich. Dazu habe ich heute keine Lust. Muss
durch Felder, muss durch's Licht. Artland, Venner Moor. Ein alter Mann, kurze Turnhose und
Muskelshirt im November, klopft mit der Hand auf die Motorhause und ruft
"Wunderschön!" Jadegrün eben. Ich bremse für ein Huhn, steht da auf der
Strasse, so ganz Herbst. Man wird ganz langsam, wenn man Käfer fährt. So laut ist es,
dass man nicht mehr denken muss. Nur noch fahren.
In Venne, am künstlichen Dorfteich, an dessen Ufer keine Pflanze wächst, warten Giorgio
und Frank. Sitzen vorne auf dem sandgestrahlten Porsche. Rauchen und grinsen. Weil wir den
Käfer zusammen gefunden haben. Weil er nur mit Frauen fährt. Weil wir in Venne sind und
da bleiben, aus diesem Grund oder jenem. Weil Herbst ist. Weil der Käfer jadegrün ist
und unten an der Tür eine blaugoldene Plakette hat mit dem Hermannsdenkmal drauf. Weil
wir eine Geschichte haben, drei Zigaretten und ein Feuerzeug.
Kathrin Glosch, OS - - 05.11.00 at 22:23:00
Selbstmordversuche in der Familie. Melancholia. Versuch, die Ahnen nicht wirken werden zu
lassen. Der Strick in der Dachstube. Das verschwiegene Gerücht. Die Traurigkeit, die
unter Allem liegt. Nicht nur jetzt. Im Herbst. Wann? Im Frühling, Mensch, wann sonst?
Vergiss es doch. Bis wann?
Eckhart Nickel Heidelberg - - 06.11.00 at 00:35:52
Re: Leidkultur
Manchmal denke ich, daß wir am pool zu einer ganz harten Randgruppe der Gesellschaft
zählen: Wir sind laut Spiegel eine 'virtuelle Wohngemeinschaft' von 'Fräuleinwundern und
Armani-Autoren', die 'unter Aufsicht baden gehen', und die 'sich über die Schwierigkeiten
beim Verfertigen der Gedanken im Internet austauschen oder über die Wetterbedingungen in
Südostasien und manchmal sogar über ihre Texte; nur sollte bloß keiner dabei an die
Gruppe 47 denken.'
Ich denke aber gerade ganz heftig an die Gruppe 47 und ich weiß, daß Eckhart Nickel
davon wieder Kopfschmerzen bekommen wird und deswegen wieder zum Kokain-Spiegel greifen
wird und ... . Nichts gegen eine gepflegte Depression im Herbst. Auch die Melancholie des
Outsiders ist durchaus angebracht, aber ich möchte sie kurz unterbrechen mit den
erheiternden Neuigkeiten zu meinem Lieblingsthema:
Die zahlreichen Kokainspuren auf den Bundestagsklos sind vielleicht durch das Verreiben
mit einem Putzlappen einer einzigen Kokainspur, wo auch immer, zustandegekommen. Und ist
das Kokain erstmal im Putzwasser, dann hilft nur noch beten.
Sven Lager - B. - 06.11.00 at 21:12:47
Exakt. Die Putzkolonne, die dafür verantwortlich ist, heißt "Die Gute Fee" und
reinigt, wie man in der "Sun" nachlesen kann auch die Toiletten im Britischen
Unterhaus. Aber zurück zum Bundestag, wo bei den Rechten bekanntlich gerade Spickzettel
unter den Bänken kursieren, auf denen steht "Jetzt oder nie! Deutsche Leitkultur
erfinden!" Zeitungen machen, wie üblich in solchen Fällen, "Umfragen unter
Kulturschaffenden", ich werde auch gefragt und meißle brav mein Sprüchlein:
"Deutsche Leitkultur" ist eine fürchterliche Vokabel ohne jeden sachlichen
Inhalt, dafür aufgeladen mit dem ganzen chauvinistischen Ressentiment, das zu Kaiser
Wilhelms Zeiten hieß "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Zur
Illustration wie's gemeint ist, glänzt derweil der politische Grobmotoriker Laurenz Meyer
zum Befremden der in- und ausländischen Presse mit dem Spruch "Ich bin stolz, ein
Deutscher zu sein". Der war bisher eigentlich nur als Aufnäher an Bomberjacken von
Neo-Nazis bekannt. Das passt gut in eine Zeit, in der jüdische Bürger nur noch unter
Polizeischutz in die Synagoge gehen können und Schwarze auf der Straße totgeprügelt
werden. Und wir können stolz darauf sein, eine Volkspartei in unserer Mitte zu haben, die
neben der Verwaltung ihrer illegalen Konten auch noch Zeit findet, so sensibel auf
aktuelle Stimmungen zu reagieren, daß sich die Diskussion um das NPD-Verbot erübrigt -
man kann ja auch Union wählen.
Sehr richtig, Herr Oswald! Ich würde ja gern einmal eine Anzeige für sowas bekommen.
Stattdessen aber übernimmt die Union den Begriff in ihr Programm und wird nach dem
nächsten Regierungswechsel den letzten Rest dessen aus dem Grundgesetz beseitigen, was
einmal "Asylrecht" genannt wurde. Eine Umfrage unter Kulturschaffenden wird die
Folge sein. Ein unmißverständliches Statement dazu habe ich bereits vorbereitet!
Georg M. Oswald München, Deutschland - - 07.11.00 at 09:40:46
words like: blitzkrieg, angst, herrenrasse, lebensraum, machtergreifung, hinterland,
weltschmerz, endsieg and kindertransports
Abb.:Autobahn mit Mustersiedlung München-Ramersdorf
(Postkarte. Aus der Reihe Heroische Landschaften)
Andreas Neumeister - 07.11.00 at 15:49:21
Aus San Francisco erreichte mich zum Election Day eine sehr bemerkenswerte Mail, die ich,
bevor uns von dort die ersten Hochrechnungen auf die Bildschirme übertragen werden,
sofort weiterreichen muß.
Dear friends,
Last night after we closed the doors at the record store, three men came to the door. Two
looked like rich gay guys dressed in dark clothes and moussed hair, but the third guy was
dressed up like an Arab sheik, covered from head to toe. He had sunglasses on and he had a
cotton veil pulled across his face. He was in all white. One of the guys was asking us to
let them in. We began to brush him off, but then he insisted, "It's very hard
for him (the sheik) to shop." Anyway, it was starting to seem weird, so Mike, my
colleague, let them in. It almost felt like we were going to be robbed. They wanted to
know right away where the spoken word section was. I showed them to the back of the store
and when the veil came away and the sunglasses came off and I saw that incredible face, I
thought it was a gag. The sheik's facial hair looked like stage hair and he had a bandage
on his incredibly thin nose. But, when I heard that voice ask, "Do you have any more
Edgar Allen Poe," I knew that it was really and truly the King of Pop, Michael
Jackson. When I returned to the front of the store, his companion said to us, "I
think you know who it is by now..."
Anyway, that began an hour and a half of my night with Michael Jackson... a night in
which I shared with him some of the songs which I love the best and he shared with us his
inimitable sweet, boyish presence. I still feel really weird, but I assure you, I shit you
not! I'll just have to get to the memories randomly, as the magic really hasn't
had time to coalesce in my mind.
He kept singing that line from "The City of New Orleans" by Arlo Guthrie,
"Good morning, America, how are you..." He smelled kind of like a Catholic
priest. They all were wearing cologne. But Michael had the scent of the super-rich,
reclusive count. We played one of his favorite songs for him at his friend's request:
"Lightning Strikes" by Lou Christie. We didn't have any records by the band
that does his favorite song, The Cowsills. He asked for Free Design but we didn't
have it. He also wanted 101 Strings. He bought a lot of Harry Belafonte, Sarah Vaughan,
Shirley Temple, boys' choirs, Disney stuff, and a lot of 60's pop. I asked him
at one point if he wanted a Smurfs record and he said, "No, thank you." He said,
"Do you have that song "Paper Cup" by the Fifth Dimension?" He also
bought a bunch of old nude stuff-clipped out pictures from nudist magazines and old
shots of posed nude women. I asked him if he wanted any of these old TV theme paperbacks
we had and began to read off the titles. "I'll take the Brady Bunch!" he
said. He also bought a big poster of Burt Bacharach. His friend wanted only sealed
records, but Michael didn't seem to care about condition or which issue it was. In
fact, he didn't seem like a record collector at all. He just seemed like he was
buying a bunch of records on a lark.
At one point when we had taken him down to the basement to look through all of the junk,
he turned and asked me, "Do you like Diana Ross and the Supremes' music?" I
said that I did and I asked him what his favorite song was by them. He said "Stop In
the Name of Love", I think. I told him that mine was "I Hear A Symphony",
and he said that he loved that one, too. He said he thought it was a shame that their
reunion tour that was supposed to happen didn't because they couldn't get along.
At that point, he told me that he really wanted an old portable record player and I said
that I had one at home that I would sell to him. He asked me, "Can you get it?"
So, I ran home to get it and brought back a Wandering Stars CD to give him, as well. He
asked me how much I wanted for the record player. I asked, "How much do you want to
pay me for it?" He said, "Well, you have to name a price." I told him $15
and it was a deal. He paid with a $100 bill. All he had were $100 bills. Then he asked me,
"Does it work?" I told him it did and he asked me, "Can you plug it
in?" The crazy thing was that I had run most of the way home and it is practically a
90-degree angle straight uphill. So, when I got back to the store, I kept coughing and I
thought to myself, "I gotta cool it, or Michael's not gonna want to be near me
anymore!" Because at that point, I had touched him. I had gently held his arm as I
had directed him toward the stairs when we were going down to the basement. But, he really
didn't seem like a germ freak at all. He was really normal in that respect. In fact,
he wasn't imposing at all. He was a guy who you just wanted to be nice to!
I played him Bertha Tillman's "Oh My Angel" and Walter Jackson and
"Can You Hear Me" off of David Bowie's "Young Americans." I
called him Michael and he would avert his eyes and smile. When I gave him the WS CD, he
asked, "Is it copyrighted?" I said yeah and he said, "Good." He
autographed a record for each of us that worked there. Mine was "Thriller."
When Mike, my colleague, held up a copy of the soundtrack to "The Wiz", one of
Michael's companions (one who said they had been friends since they were 12 years
old) said, "I know a very talented young man who was in that movie...he played the
scarecrow." At this, Michael smiled shyly.
Another time, this same guy was showing Michael a CD by some female vocalist. I
couldn't see who it was. Anyway, he was saying, "Remember, we were on stage and
she was holding you and she wouldn't let go?" Michael didn't seem to
remember and his friend continued, "Remember, we were there with Liz?" Michael
then said, "I'll have to see the tape."
You know, his skin was very white. He was wearing makeup, like foundation. And, his eyes
were really wide. He was wearing jeweled, woven black leather shoes. I couldn't
really see his hair, but it looked pretty long and straight. The crazy thing was indeed,
that we were hanging out with Michael Jackson, but even more, that he was dressed up like
a sheik the whole time! Also, we were really hanging out with him. It wasn't like we
just shook hands backstage or something. I was bugging him about whether he liked the
songs that I wanted him to like just like I do my friends! Super. He was super sweet--
hard to stress that enough.
When they were getting ready to leave, they asked for wet paper towels with a little soap
to wipe off their hands with. I said yes, I have to wash my hands about twenty times a day
working in a dirty record store. Michael said, "You should get some HandiWipes;
they're really great.... Better yet, Baby Wipes."
Anyway, I'll probably remember more, but I will say that after they left, they were
going to a Mexican restaurant in Hayward.
Andrew R.
via A. Neumeister - 07.11.00 at 22:33:11