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pool #60 08.09.-14.09.2000

pool #59 / pool #61

 



Liebe Carmen, liebe Elke, liebe Eva;

während man noch grübelt, worüber sich Männer, wenn sie sich unter ihresgleichen und ansonsten unbeobachtet wähnen, wirklich unterhalten, so genügt doch eigentlich ein blitzschneller Blick auf die gegenwärtige Pool-Seite. Die Themen lauten

1) Rauchen
2) Trinken
3) Mobiltelefone
4) Waffen
5) die beruflichen Erfolge

Zugegeben, diese Themen tragen nicht wirklich einen abwechslungsreichen Dialog. Ich bekenne mich schuldig, zu der Langweile, die diese Seiten wie eine lähmende Aura umgibt, beigetragen zu haben, indem ich nichts beizutragen hatte. Mir fallen nun einmal zu Punkt 1-5 keine interessanten Beiträge ein. Deshalb, liebe Carmen, Elke und Eva: Ihr fehlt mir hier sehr.


Rebecca Casati München - - 08.09.00 at 11:04:22

 

 



Herr Zawinul



Für Wolfgang Hammerschmid.


Andrian Kreye, Santa Monica, CA - - 08.09.00 at 17:26:56




Er zeigt mir sein Handy. Uuh. Keine Ziffern mehr zu sehen. Alle Tasten schwarz vom ständigen SMSen, blankgerieben. Sehr schön. Ich schaue mir mein altes Teil an, kein Kratzer, doch. Auf dem Display. Vom verkehrtherum Hinlegen. Für eine SMS Nachricht brauche ich immer noch 5 Minuten, ohne Sonderzeichen. Hmm, grunzt er, sein Bein zittert, während seine Augen weiter unter dem Tisch sind. Während wir uns sehr kurz über Handys, Rauchen, Trinken, Beruf unterhalten, liest und schreibt er weiter seine Nachrichten. Erinnert mich sofort an Leute, die am Telefon kurzsilbig sind, verzögert antworten, plötzlich sehr aufmerksam sind und dann wieder abschweifen. Sie sitzen am Computer.
Ha!, ruft er, sehr schön! Er strahlt mich an und legt es auf den Tisch. Er kann es mir ja schlecht vorlesen. Aber es freut mich auch, die gute Laune der letzten SMS ist jetzt für mich.


Sven Lager - B. - 08.09.00 at 20:13:34




BIG PS: Rainald Goetz hat für sein Buch "Abfall für alle" den diesjährigen
Wilhelm-Raabe-Preis, der mit 50 000 Mark zu den höchstdotierten Literaturpreisen in Deutschland zählt, erhalten.

Warum ich das schreibe? Weil es mich sehr freut.


S. L. - 08.09.00 at 20:14:42





Baby Come Back



Für Antje, Antje, Carmen, Elke, Eva, Kathrin, Rebecca und Ursula.


Andrian, Pacific Palisades, CA - - 09.09.00 at 04:12:04




Wili Winkler am Donnerstag in der SZ:

"Der Hippie Richard Brautigan schrieb nicht mehr.
Oder nicht viel.
Er trank.
Er ballerte in der Gegend herum.
Mit seinen Freunden schoss er nachmittags ins Blaue der Berge von Montana. Einmal erledigten sie gemeinschaftlich mitten in der Nacht die Küchenuhr in seiner Ranch. Bumm. Seine Tochter, die manchmal den Sommer bei ihrem Vater verbrachte, rannte ins Haus und krümmte sich vor Angst hinter der Wand zusammen. (...)
"Mein Vater hatte Schwierigkeiten", schreibt die Tochter: Geld, Familie, seine Trinkerei. "Sein größtes Problem aber bestand darin, daß er nicht mehr leben wollte"."

Fast eine ganze Seite für Richard Brautigan. Respekt.


Eckhart Nickel Heidelberg - - 09.09.00 at 10:59:11




1
Landgasthof, das klingt immer gut. Joviale Besitzer, die einen mit Handschlag begrüßen. Betten mit riesigem Pfühl. Gastlichkeit.
2
Es gibt zwei Frühstücksräume, ich setze mich in den leereren. Die Rezeptionistin, eine in Lederhose mit Blazer und wütendem Lippenstift, eilt hinter mir hinein. "Wenn Sie zur Gesellschaft Frowein gehören, die sind nebenan." Sie stemmt die Hände auf die Hüften. Unter der Jacke, so daß ich nicht sehen kann, ob es Fäuste sind.
3
Als ich um einen Zugfahrplan bitte, bekomme ich zerfleddertes Zeitungspapier vom September 1999 in die Hand gedrückt. Die Bahnauskunft fragen? Das scheint ein Problem zu sein. Ein Taxi zu rufen, das immmerhin klappt. Vermutlich will sie mich genauso gerne verschwinden sehen, wie ich jetzt weg will.
4
Als ich einsteige, finde ich einen Glückspfennig. Der Fahrer fragt, wo er mich schonmal gesehen hat. Als ich antworten will, ich sei nicht aus Köln, sagt er, der Keuchhof sei ein Prominenten-Hotel, deswegen käme er darauf. Bei Biolek?
5
Nee, sage ich. Ich sei unter anderem Schriftstellerin, die träten selten im Fernsehen auf. Worüber ich schriebe? Geheimnisse, Liebe, Essen und Sex.
6
Ouh, sagt der Fahrer. Das mit dem Sex, das fände er gut.


Carmen Samson Berlin - - 10.09.00 at 19:07:09




- Scheiss Wessifotzen!
Der erste Tritt gilt immer den Reifen.
- Steigt aus und kämpft!

- Mach mal Zentralverriegelung.
- Wieviele sind's?
- Weiss ich nicht. Ich seh mir die Gesichter nicht mehr an. Und zum nächsten Geburtstag schenk ich dir ein Ost-Kennzeichen.
- HAL an meinem Turbo? Never. Kannst ja Taxi fahren. Hoffentlich reissen sie nicht das Verdeck auf.
- Wer ruft an? Du oder ich?
- Du bist dran. Ich hab letzes Mal. Und ausserdem ist mein Handy im Kofferraum.
- 110 oder 112? Verwechsel ich immer.
- Jetzt mach. Sonst ist das Auto zerlegt, bis die da sind. Und falls wir überleben, muss ich ewig nach Ersatzteilen suchen.

- Diesmal aber keine Nebenklage.
- Bloss nicht. Und auch nicht diese Integrationssicherungsmassnahme per Sozialarbeiter, damit die Zukunft des gefährdeten Auszubildenden nicht verbaut wird.
- Wie hiess das noch? Opfer und Täter sollten im 'fruchtbaren Austausch ihre Ängste transparent machen'.
- Wir sind zu allen Terminen gegangen, hatten Kisten voller fruchtbarer, transparenter Angst dabei, und der einzige, der nie erschien, war der Auszubildende mit ungewisser Zukunft, wegen dem wir nachts in die Notaufnahme mussten.
- Und überhaupt war nie klar, wer eigentlich Täter und wer Opfer ist.
- Wir sind scheisse, die sind scheisse, und da hinten kommt der grün-weisse Passat. Sogar mit Blaulicht heute. Faites vos jeux.




Kathrin Glosch, Halle - - 11.09.00 at 13:51:21




An der Apotheke unten ist ein Barometer angebracht, der rote Leuchtpfeil zeigt nach unten, kündet vom Druckabfall, der grüne weist aufwärts. Das verschobene Wetterbild, das beim Beobachten des Pfeilbarometers entsteht, zeigt einem mitten im Regen grünes Licht, und an schönen Tagen im September wie heute geht es bereits sichtbar abwärts, rot.

"Ich lese und ich schreibe. Ich habe also, was ich wollte. Eigentlich hatte ich gar nicht zu erlangen gehofft, was mir das Leben dann bescherte, diesen Schreibtisch, von dem ich die Bäume und die alten Häuser sehe, diese von Büchern bedeckten Wände, diese außerordentliche Ruhe.
Auf eine Weise entspricht der Raum, in dem ich schreibe, ziemlich genau dem Traum des Zwanzigjährigen. Was fehlt denn bloss? Und woran liegt es eigentlich, daß Du trotz allem nicht zufrieden bist? Es liegt an dem, daß alles dies etwas zu spät kommt. Der diese Zeilen schreibt, ist zu ernüchtert, um an die Wirklichkeit der Welt, in der er lebt, zu glauben."
Julien Green *6.9.1900


Eckhart Nickel Heidelberg - - 11.09.00 at 22:21:30




eben millionenquiz gesehen?
unglaublich. jedes halbgebildete
haustier hätte die richtigen antworten
im schlaf hersagen und millionär
werden müssen - aber dieser müslityp
bringt es fertig, nichts, aber auch gar nichts
auf die trockene seite zu bringen, sowas
regt mich maßlos auf, es erschüttert mich -
und es freut mich dann auch. blöde sau.


HelK M - - 11.09.00 at 22:36:28




heute war ich bei müller im tal -
cds kauft man in münchen bei müller im tal -
und frage einen der verkäufer:
"ist die neue go-betweens schon da?"
"garbage?"
"go-betweens."
"dassachtmajetznüscht."
"go-betweens. die werden sie doch wohl kennen."
"nee. nee... (er sieht im regal nach). von denen hamwergar nüscht."

wir gehen zum computer. ich komm mir vor wie in einem fiesen albtraum.
es ist in deutschland tatsächlich nichts von den go-betweens lieferbar, nichts.
diese band, eine der wichtigsten zehn bands der 80er, hat, ich glaube
acht oder zehn platten gemacht, darunter "tallulah", eins der besten
alben aller zeiten - und im lauf der jahre existierten von ihnen, ich glaube drei best-of-compilations -
und jetzt ist es so, als hätte es sie nie gegeben.

man altert nicht in erster linie physiologisch. man empfindet das altern
vor allem durch den zusammenbruch der selbstaufgestellten wertordnungen.
ja gut, pop ist pop - aber die go-betweens hätt ich schon für länger haltbar
eingeschätzt.
"muß ne neue band sein", sagt der verkäufer, "die ham erst eine
cd und die kommt am 15. september raus, fragense näxte woch nochma."


HelK M wie Melancholie - - 12.09.00 at 18:09:49




Der Musikladen ist ein Paradies für Anton. Während ich CD's höre, bringt er mir Cover, die ihm gefallen. Totenköpfe mit Blumen, eine Pistole, eine Frau mit Schmetterlingsflügel, den Soundtrack eines Disneyfilms. Mit Celine Dijon. Anton ist noch nicht reif für die Musikauswahl. Besonders gut gefallen ihm Iron Maiden und andere videofarbige Fantasybrutalocover.
Als wir nach Hause kommen, sagt Elke, ich hab uns Musik gekauft. Ich sage, ich auch. Wir grinsen uns an. Die neue Madonna ist furchtbar. Nee, die nicht, nur Bumm Bumm Bumm. Aber ein schönes Cover. Ja. Also was? Wir wissen es beide im gleichen Moment. Eine halbe Stunde vorher hat sie im selben Laden die gleiche CD gekauft.
Jetzt hören wir ihre.

THIEVERY CORPORATION / THE MIRROR CONSPIRACY


Sven Lager - B. - 12.09.00 at 18:20:17




Go Betweens:

HelK hat so recht.

Thievery Conspiration; Nein. It's over.

Madonna is the best.

DJ Koze is even good.

In der Bar Eins in Heidelberg gaben wir (Rolf, Jürgen, Ich) dem Barkeeper die CD. Er spielte den ersten Track, den zweiten (Tausend Tränen tief), beim dritten verließ ihn er Mut. Wir verließen die Bar, gingen, nach kurzem Peppers Check, in die Tangente, ließen uns von schlechtem HipHop ins Nirvana schaukeln und gingen, desillusioniert unserer Wege.

Die alte Brücke.

Das orangene Licht am Schloß war aus.

Wir sagten auf Wiedersehen.

Die unendliche Hirschgasse wartete.

Und so aurora borealis wird einmal mehr ungesehen dahin schwinden.

Wer wartet?

Niemand.


Eckhart Nickel Heidelberg - - 13.09.00 at 01:45:54




Guten Morgen. Heute bin ich mit dem Satz aufgewacht:
Mehrwertsteuer nennt man es, wenn die Steuer immer mehr wird.

Gestern habe ich mir meine grauen Haare zu meinem grauen Gesicht angeschaut und dann fiel mir ein, daß Luzie morgens fast geweint hat, weil ich gar nicht hübsch aussehe und ich mußte hochgehen und Lippenstift auftragen, immerhin war sie dann zufrieden und ich dachte an Madonna, wie alt und hart sie aussah mit den dunklen Haaren, die sie streng aus dem Gesicht trug und wie blühend sie mit den blonden Haaren aussieht, die ja nicht soo blond sind und dachte daran, ob ich noch grauer aussehe, wenn ich mir die Haare wieder dunkel töne, oder ob ich es auch einmal mit Mahagoniblond versuchen soll.

E. antwortete mir neulich in einem scharfen Ton auf meine Frage, ob sie sich die Haare wieder wachsen läßt: "Ich habe im Moment wirklich keine Zeit mir Gedanken über meine Haare zu machen."
Mein Problem ist: Dafür habe ich immer Zeit.


Elke Naters - Bangkok - 13.09.00 at 08:05:19




1
Die Begrüßung war anders ausgefallen. Natürlich gab es den üblichen Ehe-Kuß. Flüchtiges Streifen der Lippen aneinander. Aber diesmal fehlte die Verdrossenheit, die sonst ihre Rückkehr begleitete. Er hatte sich einen Mantel aus Pflichten vorgestellt, der über dem Türrahmen lauerte und sich, kaum war der Schlüssel aus dem Schloß gezogen, über ihre Schultern senkte. Ein Cape, dachte er, oder vielleicht eine Redingote. Jedenfalls aber schwer.
2
Die Reise war diesmal an einen anderen Ort gegangen und hatte einen anderen Zweck: Jahresmitgliederversammlung ihres Vereins, über dessen Angelegenheiten sie Stunden im Arbeitszimmer verbrachte.
3
Später sah er, daß die Kratzer verheilt waren. Ihr Rücken war nicht eingecremt. Das merkte er, weil sie sich vor ihm auszog, zum ersten Mal seit langem wieder.
Er flüsterte mit belegter Stimme von Urlaub und fügte noch etwas von Überlastung hinzu.
4
Hätte er sie in den Armen gehalten, hätte er ihr Erstarren gemerkt. So aber flogen sie in die Sonne und regelten ein Jahr später die Scheidung.


Carmen Samson Berlin - - 13.09.00 at 11:46:40




Mahnmal, Goldhagen, Walser, Finkelstein...
Neue Wolken, oder sind es immer die selben?, ziehen vorbei...
Die üblichen 70jährigen Frösche quacken am Teich.
Oder sind das ABM-Maßnahmen für Frank Schirrmacher?


Lorenz Schröter Männerturnhalle - - 13.09.00 at 16:07:01




Einmal an das seltsame Brummeln des Schüttelalarms gewöhnt, und schon erliegt man etlichen akustischen Täuschungen: Der Magen knurrt - oh, das Telefon klingelt. Ein Geräusch auf der CD - heda, wer ruft an? Eine Fliege rumort an der Scheibe - Hatte ich das Gerät nicht eben ausgestellt?
Auf einen Tisch gelegt, hört sich das Klingeln an wie eine psychotische Hornisse.
Es ist höchste Zeit, das Mobiltelefon aufzugeben.


Eckhart Nickel Heidelberg - - 14.09.00 at 08:51:48




Geheimnisse, Liebe, Essen und Sex. In:

Eine Invasion von Frauen.

Ab 29. September im Buchhandel.

Mehr über das Buch

Mehr über die Autorin

Es wird vorgelesen:
10. Oktober, Marga Schoeller Bücherstube, Berlin
12. Oktober, Amalienbuchhandlung, München
21. Oktober, Roter Salon der Volksbühne, Berlin (22:30 Uhr)
24. Oktober, Altes Rathaus, Göttingen (19:00 Uhr), mit Maike Wetzel
28. Oktober, Tacheles, Berlin (irgendwann mitten in der Nacht)
19. November, Foyer des Theaters des Westens, Berlin (Einlaß ab 10:30 Uhr)


Carmen Samson Berlin - - 14.09.00 at 13:41:26





Liebe Rebecca, liebe Elke

Meine Top-Themen der Woche:

1. Gold
2. Grau
3. Beige
4. Kupfer

Nullfarben? Non, non, non, pas moi!



Eva Munz Bangkoque - - 14.09.00 at 17:49:27







Ingo Niermann (1). Eine Fantasie von Antje Majewski


Ingo Niermann by mail - 14.09.00 at 19:08:58



Frauen sind die besten Menschen der Welt. Alle.
Fast alle.
Gestern an der Rolltreppe im Untergeschoss der Potsdamer Platz Passagen.
Eine Mädchengruppe 15-Jähriger lungert herum. Eine Gruppe gleichaltriger Jungs kommt vorbei. Ruft die Eine:
"He, du! Mit der grauen Jacke!"
"Ja?"
"Du bist häßlich!"
Der plumpe Junge dreht sich schweigend um. Ein Zucken übers Gesicht, wie von einer Peitsche getroffen.
Das war gestern. Und doch trifft es den 15-Jährigen in mir.


Lorenz, sexy boy Pausehof, Leopoldstraße - - 15.09.00 at 10:14:04